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«Alain Berset ist ein Glücksfall»

Gestern startete Innenminister Alain Berset den Abstimmungskampf für den Verfassungsartikel zur Stärkung der medizinischen Grundversorgung. Sein Gegenentwurf zur In­itia­ti­ve «Ja zur Hausarztmedizin» sorgt bei den Hausärzten für wahre Begeisterung.

Herr Tschudi*, als Präsident des Initiativkomitees «Ja zur Hausarztmedizin» wollten Sie die Stellung der Hausärzte stärken. Doch zogen Sie die Initiative zurück, als der Bundesrat eine Vorlage zur Stärkung der medizinischen Grundversorgung präsentierte. War­um betrachten Sie den Gegenentwurf dennoch als Erfolg für die Hausärzte? Peter Tschudi: Die Vorlage ist in erster Linie positiv für die Grundversorgung der Bevölkerung, in der aber auch die Rolle der Hausärzte gestärkt wird. Wir waren von Anfang an überzeugt vom Gegenvorschlag des Bundesrates, denn unsere Vorlage war überladen, quasi eine Auflistung aller Probleme, die uns Hausärzte plagen. Wir wären auf zu viel Gegenwind gestossen. Der Gegenentwurf beabsichtigt, die Bedeutung der Hausärzte in einem Bundesverfassungsartikel herauszustreichen, berücksichtigt aber alle Träger in der Grundversorgung. Was genau ist der Grund, weshalb Sie ausser der SVP keine gegnerischen Kräfte mehr fürchten? Frühere Bestrebungen zur Stärkung der Hausärzte und unser Appell, dass wir etwas gegen den wachsenden Hausärztemangel unternehmen müssen, wurden von Alain Bersets Vorgängern nicht erhört. Didier Burkhalter sagte stets «Ce n’est pas mon problème» und schob die Verantwortung an die Kantone ab. Als Pascal Couchepin das Gesundheitsdossier verantwortete, fuhr er eine Hausarztleistung nach der anderen blindwütig herunter: Labortests, Röntgen und so weiter. Berset hingegen hat erkannt, dass es bald keine ausgebildeten Hausärzte mehr gibt, wenn wir den Hausarztberuf ständig schwächen. Er hat alle an den Tisch geholt, die zur Lösung beitragen können: die Universitäten und die Forschung, die Gesundheitsdirektoren, die Grundversorger, und dazu gehören nicht nur die Hausärzte, sondern alle Leistungserbringer, von der Spitex über die Ergotherapeutin, den Apotheker bis hin zu den Hausärztinnen und Hausärzten. Alle zogen am gleichen Strick. Dass dies möglich war und wir nun eine Vorlage haben, die teilweise sogar bereits aufgegleist ist, ist Bersets Verdienst. Er ist ein Glücksfall, nicht nur für die Hausärzte, sondern für die medizinische Grundversorgung, die der Bevölkerung zu- gutekommt. Die bürgerlichen Parteien könnten die Vorlage wegen höherer Hausarzttarife bekämpfen. Die SVP hat Ablehnung signalisiert. Nennen Sie mir aber auf der Fachebene ein gegnerisches Komitee. Ich kenne keines. Der Spitalverband H+ war gegen unsere Vorlage, jetzt ist er voll dafür. Auch der Ärzteverband FMH – auch er lehnte unsere In­itia­ti­ve ab – unterstützt die Vorlage finanziell. Die Ärztekammer stimmte mit einer Dreiviertelmehrheit zu. Auch sie sehen die Zukunft in der Interdisziplinarität: Für das Wohl der Patienten ist ein Team aus Grundversorgern besser als Spezialisten, die jeder für sich köcheln. Die angestrebte verstärkte Zusammenarbeit in Gemeinschaftspraxen, wo der Hausarzt eine zentrale Rolle spielt, führt sicher auch zu Kostenersparnis. Wird der Hausarztberuf für die Medizinstudenten wieder attraktiver? Der Verfassungsartikel ist ein Puzzlestein, um den Hausarztberuf aufzuwerten. Er gibt den angehenden Ärztinnen und Ärzten die Sicherheit, dass der Hausarzt wichtig bleibt, dass er sachgerecht entschädigt wird und kein Spielball mehr sein wird in der Gesundheitspolitik. Sollte die Bevölkerung den Verfassungsartikel annehmen, sind dann alle Probleme der Hausärzte gelöst? Unsere Ziele wären damit erreicht. Und wir rechnen mit über 60 Prozent Ja-Stimmen, denn es geht hier um die Grundbedürfnisse der Bevölkerung. Die Frage ist, ob nicht auch andere Bereiche im Gesundheitswesen, etwa die Bedeutung der Spitäler, per Verfassungsartikel gestärkt werden müssten. *Peter Tschudiist Co-Leiter des Instituts für Hausarztmedizin an der Universität Basel. Er praktiziert als Hausarzt und ist Co-Präsident des Initiativkomitees «Ja zur Hausarztmedizin».

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