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Alles hat seinen Klang

Die Oper «Das schlaue Füchslein» von Leoš Janác?ek ist ein Alterswerk voller Lebensdurst und Fantasie. In der Interpretation des Theaters Bern wird sie zum psychologischen Kammerspiel. Die Inszenierung ist ab morgen im Theater Winterthur zu Gast.

Ab neun Jahren empfiehlt das Theater Bern die Tieroper des mährischen Komponisten Leoš Janác?ek (1854–1928), in dem eine Füchsin die Hauptrolle spielt. Die Handlung folgt den Etappen ihrer Biografie: Jung wird sie vom Förster aufgegriffen, sie wird Spielgefährte seiner Kinder, später angekettet. Nachdem sie Hahn und Hühner, die nichts von Freiheit wissen wollen, massakriert hat, kann sie gerade noch fliehen. Im Wald sorgt sie für politischen Aufruhr, als sie den fetten Herrn Dachs aus seinem Bau vertreibt. Sie macht Hochzeit und ist bald Mutter zahlreicher Kinder, dann setzt ein Wilderer ihrem Leben ein Ende. In einem ihrer Jungen erkennt der Förster den Nachwuchs der Füchsin, die er damals mitgenommen hatte. Ist dieser Förster mit seinen Monologen am Anfang und Ende der Oper die eigentliche Hauptfigur? Die ebenso subtile wie handfest burleske Inszenierung von Markus Bothe am Stadttheater Bern (Premiere war am 25. Januar) lässt daran keinen Zweifel. Nicht auf dem Waldboden dösend, sondern im Krankenbett zeigt ihn die Inszenierung zu Beginn und am Ende wieder, umgeben von den Krankenschwestern-Libellen, von Dr. Mücke, der ihn piesackt, und den weiteren Tieren: Das Fieber umgibt ihn mit allem, was Janác?eks Wald ausmacht, nur dass dieser Wald – bühnenbildnerisch von Ralph Zeger wunderbar gelöst – zugleich ein Innenraum ist, in dem die Försterin den Boden fegt und dicke Luft herrscht. Psychologisches Kammerspiel Die Waldoper wird so zum psychologischen Kammerspiel, und doch bleibt die Fabel so vordergründig präsent und damit «familienfreundlich» wie in einem Disney-Film – weit entfernt allerdings vom Stil plüschig-realistischer Vermenschlichung der Tiere. Es gehört zum grossen Reiz dieser Produktion, dass sie mit dem Menschentier-Personal des Stücks ein offenes Spiel treibt. Angelegt ist es in den Parallelen, die Janác?ek selber mit der identischen Besetzung von Pfarrer und Dachs, Gastwirt und Specht, Schulmeister und Dackel, Försterin und Eule treibt. Fein weiter gesponnen wird die Verbindung der Füchsin mit der im Stück nicht auftretenden, gleichwohl wichtigen Figur der jungen Terynka, von der die Männer träumen. Dabei auch an Janác?eks schwärmerische Beziehung zu Kamila Stösslová zu denken, ist naheliegend. Kein niedliches Werk Dass Janác?ek auf eine Oper verfiel, in der Mensch und Tier als austauschbare Wesen erscheinen und sich die Identitäten im Spiegel des anderen auflösen, hatte weniger mit einer Affinität zur Gattung der Tierfabel oder gar zum Kindertheater zu tun. Janác?ek war 67 und pensioniert, als er mit der Komposition der Oper begann, die nur in der deutschen Version den missverständlich niedlichen Titel «Das schlaue Füchslein» erhielt. Auch wenn er bis zu seinem Tod 1928 noch zwei weitere Bühnenwerke herausbringen sollte: «Die Abenteuer der Füchsin Schlaukopf» waren sein Alterswerk, ein Alterswerk allerdings voller Lebensdurst und erotischer Fantasie. Nur war sein Blick auf das Leben – wenigstens im Spiegel der Musik – auch weit und irgendwie weise geworden. Alles hatte seinen Klang bekommen, Wind und Wetter, Bäume und Tiere, Natur und All, und in seiner persönlichen «Musikwissenschaft» waren Stimme und In­strumente des Menschen nur Teil der Harmonie im Rauschen der Welt. Auch im Hinblick auf diese Musik legt der niedliche Titel eine falsche Fährte. Zwar spielen in Janác?eks Klangwelt folkloristische Rhythmik und Melodik eine bedeutende Rolle, und die repetitive Motivik hat im «Füchslein» eine eigene Ausdruckskraft des Naiven. Aber alles ist eingebunden in eine moderne Opernmusik. Heiter und tiefsinnig Ihr Fundament ist ein gross besetztes Orchester voller instrumentaler Mikroorganismen: Das Berner Symphonie­orchester setzt die schillernden Farben, die brodelnden Rhythmen und hymnisch ausschwingenden Melodien unter der Leitung seiner ersten Kapellmeisterin Mirga Graz?inyte?-Tyla üppig in Szene, hinreissend in orchestralen Zwischenspielen, in den Szenen manchmal gar dominant. Die Singstimmen müssen sich da manchmal behaupten, der Wortverständlichkeit sind, obwohl eine deutsche Textfassung verwendet wird, enge Grenzen gesetzt. Auf den musikalisch-darstellerischen Ausdruck ist aber Verlass: Am Werk war an der hier besprochenen Aufführung (8. Februar) ein profiliertes En­sem­ble mit Camille Butcher als Füchsin mit klarem Sopran, Christina Daletska als Fuchs und Dackel mit sattem Mezzosopran, Robin Adams als währschafter Förster, Pavel Shmulevich als prächtig prahlerischer Wilderer. Kai Wegner als selbstgefälliger Pfarrer und Dachs, Andries Cloete als schmächtiger Schulmeister und weitere ergänzten das En­sem­ble, in dem auch der Kinderchor der Singschule Köniz einen hübschen Auftritt hat – es kommt vieles zusammen für einen kurzen, aber dichten Opernabend, der ein heiteres und melancholisches, witziges und tiefsinniges Erlebnis verspricht. Das schlaue Füchslein, Dienstag, 11. März, und Donnerstag, 13. März, je 19.30 Uhr, Theater Winterthur.

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