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Alles noch einmal erzählen

Nach einigen autobiografisch inspirierten Romanen legt Urs Widmer erstmals eine richtige Autobiografie vor. Sie reicht von 1938 bis 1968 und zählt zu seinen besten Büchern.

Das Buch ist chronologisch geordnet wie ein Fotoalbum. Es beginnt mit der Zeugung an einem abgelegenen Ort im Lötschental, den man nur durch einen nassen und dunklen Stollen erreicht. Dort verbringen die Eltern zusammen mit einem befreundeten Paar die Ferien. Unter dem Holzhaus, zu dessen Fenstern man kaum den Kopf hinausstrecken kann, tost die Lonza. Urs Widmers Autobiografie ist kein gewöhnliches Erinnerungsbuch. Wenig wird verklärt oder in eine lustig-verspielte Form verpackt, wie man es aus seinen Erzählungen und Romanen sonst kennt. Er glaube heute, dass jedes Erinnern, und sei es noch so genau, ein Erfinden sei, schreibt Widmer auf der ersten Seite. Katalog der Gegensätze Erstaunlich ist vor allem, wie gegenwärtig alles wird. Das gilt nicht zuletzt für die Liebesgeschichten, das heimliche Zen­trum des Buches. Die ersten Liebeserfahrungen des jungen Erwachsenen erinnern, von der Stimmung her, durchaus an frühe Erzählungen wie «Liebesnacht» und «Indianersommer». Was die Tatsachen betrifft, so fällt die Bilanz allerdings eher nüchtern aus. Fast immer verhält es sich so, dass da einer von beiden mehr liebt als der andere. So ist das Paradies für eine kurze Zeit möglich – bis es der andere nicht mehr aushält. Auch dieser Reigen wird hier nicht verklärt; aber er endet damit, dass der Erzähler an eine Tür klopft und eine Frau ihm öffnet, die sich dann als die richtige erwiesen hat. Die beiden sind jetzt seit 49 Jahren ein Paar. Zum 1938 geborenen Urs kommt vier Jahre später eine Schwester hinzu, Nora. In den Bergen verbringt die Familie auch später den Sommer. Im Lötschental zuerst und dann auf dem Berninapass oben, dort, wo das Engadin ins Puschlav übergeht. Aus dem Puschlav stammt die Mutter; der Vater ist der Basler Gymnasiallehrer und Übersetzer Walter Widmer. Die Eltern haben wenig gemeinsam; ihre Charakteristika ergeben einen «Katalog der Gegensätze», der sich über zweieinhalb Seiten erstreckt: «Mein Vater war klein, die Mutter gross. Er war lustig, sie ernst. Er begeisterte sich für Luftschlösser aller Art, sie hatte einen soliden Sinn für das Machbare. Er gab das Geld aus, ob er es hatte oder nicht, sie wusste den Stand ihres Sparbuchkontos auf den Rappen genau auswendig und kaufte in der EPA ein – Billigprodukte, Sonderangebote –, obwohl sie jedes Mal Angst hatte, eine ihrer Freundinnen aus der guten Gesellschaft Basels könnte sie ertappen.» Häufig kommt es zwischen den beiden zu «Zimmerschlachten», wie Widmer es nennt. Es kommt vor, dass er danach voll Sorge nachsieht, ob sich die Mutter nicht etwa im Estrich erhängt habe. Klarer Blick und Empathie Trotz starker Bilder: Vieles wird recht trocken geschildert. Dennoch sieht man alles vor sich. Wie genau und dicht Widmer beschreiben kann, das erkennt man hier umso besser, als er kaum zu knalligen Übertreibungen greift. Diese Nüchternheit ist nicht kalt. Auf jeder Seite stösst man auf Begegnungen und Figuren, die mit klarem Blick und ebenso viel Empathie gezeichnet sind. Dar­un­ter sind nicht nur Nachbarn, Verwandte, Lehrer, auch die eine oder andere bekannte Persönlichkeit. So der Germanist Walter Muschg, der Historiker Edgar Bonjour und der Schriftsteller Otto F. Walter. Man reist in ein Leben, in eine Zeit, wie sie erlebt wurden; modische Accessoires, die in manchen Magazinen und Autobiografien für den authentischen Touch sorgen, sucht man vergebens. Der Lauf der Zeitgeschichte wird in drei kurzen Abschnitten in groben Zügen zusammengefasst, als wollte Widmer sagen: Das gabs auch noch, es machte Schlagzeilen, prägte das Klima. Aber für das eigentliche Leben war es zweitrangig. Obwohl sie nur bis 1968 reicht, ist die Autobiografie kein Fragment. Denn zu dieser Zeit bricht der Autor auf zu einem neuen Leben. Dem Leben des Schriftstellers Urs Widmer, der im ­Estrich seiner eben gerade bezogenen und vom Vormieter noch nicht fertig renovierten Frankfurter Wohnung die erste Erzählung schreibt. Dann fährt er mit seiner Frau im 2CV in den Süden, bis nach Barcelona, es ist ihre Hochzeitsreise. Vor der denkwürdigen Kulisse einer Ölraffinerie gibt er ihr seine Erzählung zu lesen – und erhält dafür ein einziges, grosses Ja-Wort. Das ist wie ein Sonnenaufgang im Cinemascope-Format. Ein echter Widmer, einer der besten.

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