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Allzu pittoreske Schwärze

Xavier Koller hat Lisa Tetzners packenden historischen Jugendroman «Die schwarzen Brüder» in einen zu leicht verdaulichen Kinofilm für Kinder verwandelt.

Tessin, 19. Jahrhundert. Der zwölfjährige Giorgio lebt mit seiner Familie arm, aber glücklich in einem Bergdorf weit oben im Verzascatal. Eines Tages stürzt die Mutter und bricht sich ein Bein. Weil die Familie kein Geld hat, um den Doktor zu bezahlen, tut Giorgios Vater schweren Herzens, was andere Tessiner Väter auch tun: Er gibt seinen Sohn für ein paar Franken dem Kinderhändler Luini mit. So tritt Giorgio zusammen mit einem Dutzend anderen Buben die beschwerliche Reise nach Mailand an. Die Reisegruppe gerät allerdings bereits auf dem Lago Maggiore in einen Sturm, und so sind es schliesslich bloss vier Buben, die auf dem Markt in Mailand an Kaminfeger weiterverdingt werden … An die fünfhundert Seiten dick ist der 1940/41 erschienene Jugendroman, welcher die Geschichte der Kaminfegerbuben aus dem Tessin beschreibt. Er wurde von Lisa Tetzner, basierend auf alten Chroniken, verfasst und liest sich noch heute überaus spannend; bereits in den 1980er-Jahren wurden «Die schwarzen Brüder» als TV-Sechsteiler verfilmt. Und nun hat Xavier Koller nach Tetzners Buch gegriffen. Gerade mal noch 105 Minuten lang ist sein Kinofilm und vermag nur bedingt zu gefallen. Doktor oder Pfarrer Das liegt zum einen an den radikalen Kürzungen und Veränderungen an der Geschichte, zum anderen am erstaunlich leichtfüssigen Tonfall, den Koller für seinen Film gewählt hat: Weitgehend weggelassen wurden die Schilderungen der Verhältnisse, in denen Giorgio aufwächst, damit auch seine Liebe zu Natur, Tieren und den Tessiner Bergen, welche der Grund für seine ewige Sehnsucht nach der Heimat und auch für die Gründung der Kinderbande namens «Schwarze Brüder» sind. In Kollers Film ist es nicht Giorgio (Fynn Henkel), sondern sein Freund Alfredo (Oliver Ewy), der die «Schwarzen Brüder» anleitet, es ist nicht ein Doktor, sondern ein Pfarrer, der den Knaben zurück in die Heimat hilft. Solche Veränderungen sind bei Literaturverfilmungen gang und gäbe, doch im Falle von «Die schwarzen Brüder» führen sie in die Irre: So fehlt dem Film weitgehend die historische Einbettung, auch dürften sich jugendliche Leser durch die Verwandlung des Doktors zum Pfarrer vor den Kopf gestossen fühlen. Kommt dazu, dass Xavier Kollers Film, selbst da, wo die Handlung bitter und trist ist und die Kinder leiden, im Pittoresken verweilt – oder sich gar in Heiterkeit flieht. Kann man dem Film zumindest weitgehend eine solide Machart und überzeugende schauspielerische Leistungen zugutehalten, so muss man doch auch hier empfindliche Abstriche machen: Ausgerechnet Moritz Bleibtreus Darstellung des skrupellosen Kinderhändlers Luini ist kaum mehr als schlechter Slapstick. Der Film kommt am Donnerstag in die Kinos.

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