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Als Lebensretter in die Mühlen der Justiz geraten

Der deutsche Kapitän Stefan Schmidt hat 37 Bootsflüchtlinge aus Seenot im Mittelmeer gerettet. Doch statt geehrt, wird er bei seiner Ankunft verhaftet. An einem Vortrag kritisierte er am Montag die europäische Flüchtlingspolitk.

«Man kann schon sagen, dass man keine Flüchtlinge mag. Sie sind aber nun einmal da», sagte der deutsche Kapitän Stefan Schmidt am Montag in der gut gefüllten Hettlinger Pfarrschüür. Mit dieser Realität sahen sich auch die italienischen Behörden im Juli 2004 konfrontiert: Schmidt wollte mit seinem Schiff Cap Anamur in den sizilianischen Hafen Porto Empedocle einlaufen. Mit an Bord waren 37 afrikanische Flüchtlinge, die er südlich von Lampedusa aus Seenot gerettet hatte. Doch Italien untersagte die Einreise ins sichere Europa. Die Cap Anamur gehört der gleichnamigen Hilfsorganisation und war Anfang 2004 im Auftrag des Flüchtlingskommissariats der UNO vor Westafrika im Einsatz. Im Juni 2004 war die Cap Anamur in Malta zur Reparatur. Auf einer anschliessenden Testfahrt stiess sie auf die afrikanischen Schiffbrüchigen. Seeblockade Die Italiener hinderten die vor Sizilien liegende Cap Anamur mit einer Seeblockade am Einlaufen. Das löste ein grosses Medienecho aus, so Schmidt. Schliesslich gaben die Behörden nach, doch 36 der 37 Flüchtlinge wurden aus­geschafft und der Kapitän sowie zwei weitere Besatzungsmitglieder wegen bandenmässiger Beihilfe zur illegalen Einwanderung angeklagt – anders gesagt: Der Staatsanwalt warf ihnen vor, Schlepper zu sein. Es folgte ein langer und kostspieliger Prozess: Schmidt bezifferte die Kosten auf eine Million Euro – bezahlt von privaten Spendengeldern der Hilfsorganisation. Dazu kamen Angriffe in der Presse: Kritiker warfen Cap Anamur vor, sie hätten ein Medienspektakel inszeniert. Der Imageschaden war gross, das Spendenaufkommen sank laut dem deutschen Nachrichtenmagazin «Spiegel» von fünf auf zwei Millionen Euro. Im Jahr 2009 sprach das sizilianische Gericht Schmidt und seine Mitstreiter überraschend frei. Sind wir noch Kulturnation? Trotz der fünfjährigen Tortur durch die Medien und das Gericht befasst sich Schmidt weiterhin mit der Problematik der Bootsflüchtlinge, die jedes Jahr zu Hunderten im Mittelmeer er­trinken. «Wenn wir von diesen Zuständen wissen und es weiterhin zulassen, wie können wir uns dann noch Kulturnation nennen?», fragte der weissbärtige Seemann. Schmidt gründete 2007 die nicht staatliche Organisation Borderline-Europe. Sie setzt sich für die Wahrung der Menschenrechte an den Aussengrenzen der Europäischen Union ein. Seine Kritik an der europäischen Flüchtlingspolitik fasste Schmidt in zwei Punkten zusammen: Erstens brauche es eine «vernünftige Entwicklungspolitik». Nur wenn die Si­tua­tion in den Herkunftsländern ein lebenswertes Leben ermögliche, könne Emigration verhindert werden. Zweitens müssten legale Zuwanderungswege für diejenigen Menschen geschaffen werden, deren Flucht nicht verhindert werden kann. Ebenso fordert er die Abschaffung des Dublin-Systems, bei dem die Verantwortung und finanzielle Belastung auf die südeuropäischen Länder abgewälzt werde. Zuwanderung ist nötig Im Übrigen sei Deutschland auf starke Zuwanderung angewiesen, sagte Schmidt und zitierte Studien, gemäss denen pro Jahr bis zu einer halben Million zusätzliche Arbeitskräfte gebraucht würden. «Die meisten Flüchtlinge sind gut ausgebildete Leute, die sich die Flucht leisten können.» In der anschliessenden Diskussion meldete sich eine Andelfingerin und berichtete von einer liebenswerten syrischen Familie, die sie vor zwei Jahren kennen gelernt habe. Sie hätte den Familienvater in ihrer Firma anstellen wollen, was die Behörden ihr aber nicht erlaubten. Dies obwohl der Syrer über einen Ausweis F verfüge, mit dem laut Bundesamt für Migration die Erwerbstätigkeit «unabhängig von der Arbeits- und Wirtschaftslage» möglich ist.

Kapitän Stefan Schmidt wird seinen Vortrag noch zweimal in der Region halten: Am Mittwoch, 11. März, in Dorf (19.30 Uhr, Kirche) und am Sonntag, 15. März, in Winterthur-Veltheim (11 Uhr, Kirche).

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