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Als Pilger auf dem Weg zum Lanzón

zürich. In eine unbekannte, zeitlich entlegene Welt führt die Ausstellung «Chavín – Perus geheimnisvoller Anden-Tempel» im Rietberg-Museum Zürich – eine Weltpremiere.

Der riesige, dreitausend Jahre alte Tempel von Chavín de Huántar, seit 1985 Unesco-Weltkulturerbe, liegt im Hochland von Peru, im engen Gebirgstal Callejón de Conchucos. «Dort kennt ihn jeder Taxifahrer, bei uns jedoch weiss kaum jemand von seiner Existenz», sagte der Kurator und Archäologe Peter Fux gestern vor den Medien.

Das wird sich ändern. Fux hat in Zusammenarbeit mit auf diesem Gebiet führenden Archäologen, dem peruanischen Kulturministerium und dem Bundesamt für Kultur eine Ausstellung konzipiert, die ein breites Publikum ansprechen dürfte. Neben der Vermittlung neuester Forschungsergebnisse und zahlreicher erstmals überhaupt gezeigter Keramiken, Schmuckobjekte, Steinskulpturen und Reliefs legt Fux grössten Wert auf multimediale, auch auditive Erlebnisse.

Gang zur Hauptgottheit

Animationsfilme erlauben es, die vermittelten architektonischen und archäologischen Inhalte auch tatsächlich zu verstehen. Höhepunkt der Ausstellung ist der Weg vom Grossen über den Runden Platz hinein in den Tempel, den, wie einst die Pilger, nun gewissermassen auch die Besucherinnen und Besucher unter die Füsse nehmen können. Ziel des Zeremoniells ist die Lanzón-Kammer im Herzen des Tempels. Der Lanzón ist eine viereinhalb Meter hohe Granitsteinskulptur, die Chavíns Hauptgottheit verkörpert. Der peruanische Archäologie- Pionier Julio C. Tello identifizierte sie als Wiracocha, die Gottheit, die später auch die Inka verehrten.

Im Museum Rietberg erreicht man den Lanzón, beziehungsweise eine ihm nachgebaute Plastik, durch einen Vorhang und einen abgedunkelten Gang, der dem Weg der Pilger nachempfunden ist. Immer wieder wird der Gang zum Lanzón begleitet von archaischen, bisweilen dröhnenden, ohrenbetäubenden Klängen. Geschrieben hat die 13-minütige Komposition für Meeresschnecken-Trompete (Pututu) und Perkussion der Zürcher Posaunist Michael Flury.

Zwanzig solche Trompeten sind bei Ausgrabungen im Tempel von Chavín entdeckt worden. Den Priestern dienten deren Klänge, zusammen mit dem Konsum von Rauschmitteln, dazu, in einen anderen Wahrnehmungszustand überzutreten. Ein Trip dieser Art wurde als unumgänglich erachtet für die Audienz bei den Göttern. Die Transformation des Menschen in übernatürliche mythologische Wesen spielt denn auch in der Ikonografie der ausgestellten Objekte eine zentrale Rolle. Wunderbare Steinskulpturen, etwa ein Menschenkopf mit Schlangenhaaren und auslaufender Nase, einer mit kräftigen Reisszähnen oder der Kopf eines Mischwesens, zeigen den Prozess der Transformation.

Katalog als Standardwerk

Die Ausstellung erzählt aber nicht nur die Geschichte des Tempels Chavín, der für Tello der Ursprungsort der andinen Hochkulturen und das Zen­trum der Mutterkultur des Anden-Raumes war. Neben diesem grössten Bau seiner Art gab es in Peru zahlreiche andere religiöse Zentren, so auch den Tempel von Kuntur Wasi, von dem Fux vor allem herausragenden Gräber-Goldschmuck präsentiert. Insgesamt zeigt die Ausstellung rund 200 Objekte, vor allem Leihgaben peruanischer Museen, von denen die meisten noch nie ausserhalb Perus zu sehen waren.

Der Katalog ist die erste umfassende Publikation über die Archäologie des sogenannten Formativums (3500–200 v. Chr.) und die frühe Kulturgeschichte Perus. Er besteht aus einem Essayteil und dem Katalogteil mit grosszügigen Abbildungen von 173 Exponaten.

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