Winterthur

Alte und neue Töne auf der Kyburg

Atmosphärische Musik eröffnet am ­kommenden Mittwoch die 25. Ausgabe des Festivals im Schlosshof der Kyburg.

Die Kyburgiade feiert dieses Jahr ein kleines Jubiläum.

Die Kyburgiade feiert dieses Jahr ein kleines Jubiläum. Bild: Marc Dahinden

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Gern würde man sich zurück­versetzen in alte Zeiten und als Gast der Herren von Kyburg im Schlosshof mitfeiern. Unmöglich, sich vorzustellen, dass es diese Feste im Schein der Fackeln und zum Klang fahrender Musiker und Bänkelsänger nicht ge­geben haben sollte. Sicher wurde im Schloss auch nach allen Regeln der Kunst musiziert, als später die Habsburger und dann vornehme Zürcher da residierten.Die Kyburgiade, die mit der diesjährigen Ausgabe des Festivals ihr 25-jähriges Bestehen feiert, rekonstruiert nicht mit historischem Eifer das Musikleben im alten Gemäuer, aber immer wieder wecken alte Musik und exotisches Flair der sommerlichen Konzertabende im Hof der Kyburg Assoziationen, bei denen die alten Mauern als Zeugen vergangener Jahrhunderte und ferner Zeiten mitzuklingen scheinen.

Alte Musik, Weltmusik und das, was üblicherweise als Klassik bezeichnet wird, geben der Kyburgiade seit langem ihr facettenreiches Profil, und das ist auch dieses Jahr so. Es ist unschwer vor­aus­zu­sagen – und nur Wetterkapriolen können es vermasseln –, dass die Resonanz der mittelalterlichen Architektur auch diesen Sommer ins Spiel kommen wird, so etwa, wenn es im Konzert mit dem Orchester l’arte del mondo und dem türkischen Ensemble La Perla barock und bunt zu und her gehen wird (4. August) oder wenn am Abend mit Marco Beasley und den Musicisti della Campania alte neapolitanische Lieder erklingen werden (5. August).

Über alle Gräben hinweg

Nicht immer ist das Ambiente ­explizit mit im Programm. Der Schlosshof ist auch einfach ein Freiluftkonzertraum, wenn das Kammerorchester Basel sein Programm mit Werken von Bach und dessen Söhnen und den jungen französischen Cembalostar Jean Rondeau präsentiert. Aber Burggraben und Wehrgang hin oder her, ein Markenzeichen des Festivals ist es ja überhaupt, Kategorien und Zuordnungen verschwimmen zu lassen, Grenzen zu überschreiten und zu über­raschen. Und auffällig zeigt sich immer auch eine zeitgenössische Perspektive, sei es in Bezug auf den Zugang zur alten Musik oder, wie im diesjährigen Eröffnungskonzert, mit neuen Tönen.

Vier von sechshundert

Der Eröffnungsabend macht den Spagat zwischen Barock und dem 21. Jahrhundert, und gleichzeitig ist er einem der grössten Klassikhits überhaupt gewidmet: Antonio Vivaldis «Vier Jahreszeiten», interpretiert vom Orchester L’Arte del Mondo und dem Geiger Daniel Hope (3. August). Die Beliebtheit der vier Violinkonzerte ist nicht erstaunlich, und es ist überflüssig, die Brillanz und die Sinnfälligkeit der illustrativen Effekte zu rühmen.

Wundern kann man sich über die Sonderrolle der «Jahreszeiten» aber schon auch. Vivaldi hat rund 600 Konzerte komponiert – Spötter meinten 600 Mal dasselbe – , die nach seinem Tod im Jahr 1741 für fast zweihundert Jahre im Konzertleben keine Rolle mehr spielten.

Als die Wiederentdeckung dieses riesigen Œuvres in den 1930er-Jahren einsetzte, hätten zahlreiche weitere Konzerte mit programmatisch verlockenden Titeln die Rolle des Vivaldi-Ohrwurms übernehmen können, «Il Piacere», «La tempesta di mare», «L’Amoroso» und weitere. Wirklich populär geworden sind nur die «Jahreszeiten».

Das Frühlingsthema vor allem muss der Grund sein, das als Ausnahme über Vivaldis Epoche hin­aus präsent blieb. Der Franzose Michel Corrette machte daraus ein «Laudate dominum», Jean-Jacques Rousseau ein Stück für Flöte solo. Heute haben Kammerorchester die «Jahreszeiten» ebenso gern im Programm wie die Popkünstler unter den Stargeigern, David Garrett etwa, der sich von einer Band mit Schlagzeug, E-Gitarren und Piano begleiten lässt.

Im Charakter eine völlig andere Richtung schlägt «Vivaldi ­Recomposed» des Komponisten Max Richter ein, die nun an der Kyburgiade dem Original gegenübergestellt wird. Während Garrett auf die Energie aus ist und ­Vivaldi rockt, rückt der 1966 ge­borene britische Komponist, der von der Minimal music mit ihrem meditativ-repetitiven Stil her kommt, eher Vivaldis Poesie in ein neues Licht. Seine Fassung, die 2012 erschien und ein grosser Erfolg wurde, ist zum einen eigenständiger, andererseits eine respektvollere Hommage an Vivaldi als die Pop-Adaption.

Dem Vivaldi der Gegenwart im ersten Konzert antwortet im letzten der Johann Strauss der Wiener Moderne. Zu hören sind der «Schatzwalzer», «Wein, Weib und Gesang», «Rosen aus dem ­Süden» und «Lagunenwalzer» in Bearbeitungen für Streichquartett, Klavier und Harmonium von Arnold Schönberg, Anton Webern und Alban Berg. Aufgeführt wurden die Arrangements 1921 in Schönbergs «Verein für musikalische Privataufführungen», in denen sonst zeitgenössische Musik gespielt wurde.

Es ging bei diesem «Ausser­ordentlichen Abend» auch um die Vereinskasse, und da war auch der gestrenge Herr Schönbergzu Konzessionen bereit: Waren sonst Begeisterungs- und Missfallensäusserungen streng verpönt, durfte bei diesem Anlass ­sogar frenetisch applaudiert werden – und natürlich erhoffen sich das Carmina-Quartett, der Pianist und das Wiener Walzertanzpaar zur Feier von 25 Jahren Kyburgiade am 7. August ebensolche Reaktionen.

Karten bei Winterthur Tourismus und telefonisch: 044 380 2 32 www. kyburgiade.ch. (Der Landbote)

Erstellt: 29.07.2016, 16:31 Uhr

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