Zum Hauptinhalt springen

Am Ende der Achterbahn

Mit 21 Jahren sowie eine Saison vor Sotschi, ihrem grossen Ziel, musste sich die Neftenbacher Snowboardcrosserin Miriam Wuffli zum Rücktritt durchringen.

Sie war auf dem Sprung. Im Winter 2011 beendet Miriam Wuffli die Europacupwertung auf dem 2. Rang und fährt an der Juniorinnen-WM auf Platz 4. Sie gehört zum Schweizer A-Kader und bereitet sich auf ihre erste komplette Weltcupsaison vor. Und bis zu ihrem Traum, den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi, bleibt genug Zeit, um sich für eine Selektion aufzudrängen. Doch dann: «Im Herbst im Training ging es nicht mehr. Ich konnte nicht mal mehr Treppen laufen», erinnert sich die Neftenbacherin. Wegen Überdrucks in beiden Unterschenkeln (einer eher für Spitzenleichtathleten typischen Verletzung) liess sich sie im November 2011 operieren. Mit der Pro- gnose, dass sie nächstens auf die Weltcuppisten zurückkehren könne. Die Limiten Zur ersten Weltcupstation, nach Telleuride in den USA, reiste sie noch mit. Aber im Training sah sie schon bald: «Der Körper hat so reagiert, wie man es nicht voraussehen konnte.» Durch die Operation entwickelten sich schmerzhafte Entzündungen in den Unterschenkeln. Sie versuchte alles, mit anderen Schuhen, mit Schäumungen. Es nützte nichts. Miriam Wuffli kämpfte sich immer und immer wieder heran, um dann feststellen zu müssen, dass die Schmerzen blieben, dass ihr Körper nicht mehr bereit für den Spitzensport ist. Auch im Alltag machten sich die Beschwerden bemerkbar. Auch jetzt noch. «Wie wenn eine Klammer um den Unterschenkel wäre», beschreibt sie. «Im Alltag ist das auszuhalten. Aber unter Belastung nahmen die Schmerzen stetig zu.» Sie legte «teils auch wirklich lange» Pausen ein, um beim nächsten Versuch zu merken: Es geht nicht. «Die letzten zwei Jahre waren wie auf der Achterbahn.» Aufbau, Hoffnung und Rückschlag. «Das hat mental viel Kraft gebraucht. Ich bin in Löcher gefallen, aus denen mir auch mein Umfeld wieder herausgeholfen hat.» Sie war ständig im Spitzensport drinnen. «Ich konnte die Verletzung nie richtig abklingen lassen. Die Trainer wollten wissen, wie es steht. Ich setzte mich selber auch unter Druck.» Letztlich wurde ihr bewusst, «dass der Körper Limiten setzt. Das muss man akzeptieren – was ich zu lange nicht getan habe. Selbst wegen Olympischer Spiele darf ich meine Gesundheit nicht aufs Spiel setzen und chronische Beschwerden riskieren.» Sie entschloss sich zum Rücktritt, den sie letzte Woche offiziell machte. «Es hat viel Zeit gebraucht, bis ich zu diesem Entschluss kam. Aber jetzt kann ich voll dahinterstehen. Die Berg-und-Tal-Fahrt hat ein Ende.» Ihr sei immer bewusst gewesen, «dass es früher oder später fertig ist. In der Schweiz kann man vom Boardercross nicht leben und muss irgendwann etwas anderes machen.» Das geschieht jetzt früher, als es ihr lieb gewesen wäre. Neue Perspektiven Mittlerweile hat sie Distanz gewonnen. «In den letzten zwei Jahren, in denen ich keine Rennen fahren konnte, machte ich mir viel Gedanken über die Zukunft. Es haben mir neue Wege aufgetan.» Sie genoss die ungewohnte Freizeit für sich und mit Freunden. Und Sotschi ist anderen Perspektiven gewichen: Im Sommer beginnt sie an der ZHAW ein Architekturstudium. Vorher besucht sie in San Diego eine Sprachschule und reist für zwei Wochen mit dem Camper durch Island. «Zu dieser Zeit wäre ich sonst auf dem Gletscher am Trainieren.» Auch letzten Winter stand sie ab und zu auf dem Board. «Nach ein bis zwei Stunden musste ich allerdings aus den Schuhen.» Ihre sportlichen Aktivitäten beschränken sich derzeit auf Spazieren, Ausreiten und Schwimmen. Später möchte sie Beachvolleyball versuchen und wie früher Springreiten. Sie muss weiterhin zu Ärzten und Therapeuten, verschiedene Behandlungen werden versucht. Neu ist: «Vorher wurden nur Sym­pto­me bekämpft, jetzt suchen wir nach der Ursache. Es ist weiterhin sehr viel Geduld gefragt – was eigentlich nicht meine Stärke ist …» Dem Snowboardcross bleibt sie verbunden. Dereinst würde sie gerne als Trainerin bei BASE, dem Ostschweizer Snowboard-Verband, bei dem sie selbst gross geworden ist, einsteigen «und den Jungen meine Erfahrungen weitergeben». Auch zum aktuellen Schweizer Team, von dem sie aufmunternde Rückmeldungen zu ihrem Entschluss erhalten habe, bleibt der Kontakt. «Ich freue mich mit meinen Kollegen, die sich auf Sotschi vorbereiten.» Nichts zu bereuen Im Rückblick bereut sie nichts. Ihr ist bewusst, dass sie im Spitzensport sehr weit gekommen ist, durch ihn Dinge erlebt hat, die nur wenige erfahren dürfen. Und sie hat einiges über sich selbst gelernt; wo die Grenzen sind, was möglich ist, wie man mit schwierigen Si­tua­tio­nen umgeht. «Eine tolle, aber auch sehr strenge Zeit. Ich würde alles wieder so machen», sagt sie. «Auch wenn es für mich kein Traumende genommen hat.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch