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Am Rande der Urkatastrophe

Die Schweiz blieb vom Ersten Weltkrieg verschont. Welche Auswirkungen und Folgen dieser trotzdem für den Grossraum Zürich hatte, ist Thema des Buches «Kriegs- und Krisenzeit».

2014 jährt sich zum hundertsten Mal der Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Am 28. Juni 1914 wurden in Sarajevo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau ermordet. Was folgte, wird von den Historikern als die «Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts» bezeichnet, als Beginn des «Zeitalters der Extreme», als der «Grosse Krieg». Vier Jahre dauerte der Erste Weltkrieg, rund neun Millionen Soldaten starben und fast ebenso viele Zivilisten. Er verbrauchte Material und Menschen in vorher kaum gekanntem Ausmass und hinterliess einen Frieden, der nur wenige Jahrzehnte später in einem noch gewaltigeren Krieg enden sollte.

Die Schweiz blieb von diesem Weltkrieg verschont. Als neutrales Land wurde sie nicht in die Kriegswirren ihrer Nachbarländer verwickelt und konnte diesen Status bis zu den Friedensschlüssen so bewahren. Trotzdem beeinflusste der Krieg die Politik, die Wirtschaft, die Kultur und das Leben der Menschen hierzulande in vielerlei Hinsicht. Wie diese Auswirkungen und Folgen des Krieges in der Schweiz und genauer im Grossraum Zürich ausgesehen haben, ist Thema eines neuen Buches. «Kriegs- und Krisenzeit», herausgegeben von Erika Hebeisen, Peter Niederhäuser und Regula Schmid, befasst sich mit «Zürich während des Ersten Weltkriegs», so der Untertitel des Buches.

Vielseitiges Panorama

Der weit gefasste Titel verspricht nicht zu viel. Auf über zweihundert Seiten eröffnet sich ein Panorama an Eindrücken, die jene vier Jahre Vergangenheit lebendig werden lassen. Das Buch ist locker chronologisch und thematisch komponiert. Es beinhaltet eine vielseitige Mischung aus Aufsätzen und bietet einen anregenden Wechsel von Analyse und Quellentexten, dem Blick auf die reiche und die einfache Bevölkerung, dem Fokus auf die Masse und auf Einzelschicksale.

Eröffnet wird das Buch mit einem Bilderbogen von Eva Mäder, der stimmungsvoll die verschiedenen Bereiche des Alltags zur Kriegszeit beleuchtet. Ein Beitrag von Tobias Straumann analysiert die Wirtschaftslage. Mit vielen lokalen Beispielen wie der Maggi-Fabrik erklärt er verständlich die Auswirkungen des Krieges für den Grossraum Zürich, setzt diese aber auch in den Weltkontext und vergleicht die Schweiz mit den kriegführenden Nachbarländern.

Ganz konkret um Winterthur und weitere Gemeinden geht es in den nachfolgenden Beiträgen. Es wird erzählt, wie im Gaswerk eine Dörranstalt eingerichtet wurde und wie man mit intensiver Kaninchenzucht die Fleischrationen zu vergrössern versuchte. Der Krieg in den Nachbarstaaten wurde zum Alltag. Dies zeigt sich auch am Beispiel der Grenzgemeinde Rafz, die durch die unterschiedliche Versorgungslage auf den beiden Grenzseiten zum Schmugglerparadies wurde. Dies zeigte sich weiter in den Briefen des Kleinbürgertums von Wald, in welchen das Alltagserleben sichtbar wird. Und es zeigt sich in den Erinnerungen eines Winterthurer Fabrikanten. Seine Tagebuchauszüge bieten einen besonders persönlichen und lebendigen Zugang zu dieser Epoche.

Julie Bikle, humanitär engagiert

Eine weitere Persönlichkeit der damaligen Zeit war Julie Bikle. Bikle, der heute in Winterthur eine Strasse gewidmet ist, gründete eine Ermittlungsstelle für Vermisste und steht stellvertretend für die vielen, die sich humanitär engagierten. Die Schweiz war eben auch Durchgangsland und Auffanglager für Zivilisten, verletzte Soldaten und emigrierte Künstler.

Mit der Besprechung der Meuterei an der Flüela und Beiträgen zum Landesstreik kommen auch die gesamtschweizerische sowie die innenpolitische Per­spek­tive auf den Ersten Weltkrieg nicht zu kurz.

«Kriegs- und Krisenzeit» ist ein beeindruckend vielfältiges und differenziertes Buch. Kurzweilig und immer mit den Menschen im Mittelpunkt nähert es sich diesen einschneidenden vier Jahren in der Geschichte der Schweiz an. Es bietet einen facettenreichen Mehrwert zur gängigen Lehrbuchdarstellung des Ersten Weltkriegs, und es bietet diesen verständlich, bildprächtig und mit Blick fürs spannende Detail.

Erika Hebeisen, Peter Niederhäuser, Regula Schmid (Hrsg.):

Kriegs- und Krisenzeit – Zürich während des Ersten Weltkriegs. Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Band 81. Chronos-Verlag, Zürich 2014, 239 S., 190 Abb., Fr. 48.–

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