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Am Schluss landet er beim Blues

Zürich. Der phänomenale Pianist Chick Corea hat am Freitag in der ausverkauften Tonhalle Zürich mit einem neuen Trio ein aus eigenen Hitnummern und Standards bestehendes Repertoire gespielt: ein unterhaltsamer Jazzabend auf höchstem Niveau.

Er hat Hardbop mit Blue Mitchell, Electric-Jazz mit Miles Davis und Action-Free-Jazz mit Anthony Braxton gespielt. Und mit Gary Burton hat er die intim-kammermusikalische Duokunst auf einen neuen Gipfelpunkt geführt. Mit Return to Forever hat er die hypervirtuose und technisch hochgerüstete Apotheose von Fusion inszeniert. Mit «Now He Sings, Now He Sobs» schuf er einen Megameilenstein des Piano-Trio-Jazz. Damit sind bei Weitem nicht alle Betätigungsfelder von Chick Corea genannt. Klar ist: Es ist leichter, einen Pudding an die Wand zu nageln, als den 1941 geborenen Ausnahmemusiker stilistisch zu definieren. Klar ist aber auch: Trotz aller Vielfalt liegt Corea die Jazztradition am Herzen, wie sein jüngster Auftritt in der Tonhalle Zürich besonders deutlich und schön zeigte. Groove-Experten als Begleiter Corea ist zurzeit mit einem neuen Trio unterwegs, für das er zwei afroamerikanische Groove-Spezialisten der Extraklasse verpflichtet hat. Der Bassist Christian Mc Bride und der Schlagzeuger Brian Blade versetzten in den 1990er-Jahren die Jazzwelt bei Auftritten mit dem Quartett des Saxofonisten Joshua Redman in Verzückung (am Piano: Brad Mehldau). Seither haben sich beide auch als Bandleader profiliert und sind an der Seite zahlreicher Koryphäen in Erscheinung getreten – Mc Bride etwa mit Pat Metheny, Blade mit Wayne Shorter. Mit einer solchen Rhythmusgruppe kann eigentlich nichts schiefgehen – vorausgesetzt, man ist ständig auf Trab: Blade ist ja bekanntlich nicht nur ein Superswinger, sondern auch ein Agent Provocateur par excellence. Mc Bride kommt in dieser Konstellation die Rolle des Felses in der Brandung zu – und diese Rolle spielt er umwerfend gut. Routine und Risiko Und so konnte sich Corea am Freitagabend in der Tonhalle souverän zwischen Routine und Risiko bewegen, ohne Langeweile aufkommen zu lassen. Wenn der phänomenale Pianist etwas gar selbstverliebte virtuose Pirouetten drehte oder rhapsodischen Klangfarbenzauber entfaltete, sorgte Blade mit blitzschnellen Manövern und dynamischen Wechseln für Überraschung. So erhielt sogar die zig-fach abgespulte Corea-Hit-Nummer «La Fiesta» (Zugabe 1) eine frische Note. Spannender war das Konzert allerdings dort, wo das Trio von Jazzstandards («Great American Songs» und zweimal Monk) ausging und diese mit viel Fantasie und Können auseinandernahm und neu zusammensetzte – so wurde etwa der simple Monk-Blues «Blue Monk» (Zugabe 2) in ein glitzerndes Kleinod verwandelt: kaleidoskopartige Motivtransformationen und fundamentale Swingschnörkellosigkeit hielten sich auf wunderbare Weise die Waage. Ebenfalls sehr beeindruckend war eine lange Nummer im «Coltrane-Modus» – inklusive spiritueller Rubato-Einleitung und eines majestätischen unbegleiteten Bassexkurses. Den drei Musikern war praktisch in jeder Sekunde anzumerken, dass ihnen das Zusammenspiel sehr viel Spass bereitet – und doch waren sie ernsthaft (aber eben nicht verkrampft) bei der Sache. So geriet das Konzert zu einem unterhaltsamen, abwechslungsreichen Jazzabend auf höchstem Niveau: nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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