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«Am schönsten ist das Degustieren»

Das Rebjahr 2012 verlaufe nicht absolut ideal, sagt Hans Wiesendanger: etwas gar viel Regen und hohe Luftfeuchtigkeit. «Aber so ist das eben, wenn man im Beruf als Partner die Natur hat.» Diese Partnerschaft soll auch in der Zukunft weiterleben. Von den synthetischen Weinen – Pulver, das man mit Wasser übergiesst, analog dem Eistee – hält Wiesendanger nichts: «Man muss doch spüren, dass der Wein mit seinem speziellen Aroma aus Trauben hergestellt ist.» Der Winzer freute sich sehr, als bei einer gross aufgezogenen Blinddegustation die Experten den natürlichen Wein klar vom Kunstwein unterscheiden konnten.

Hans Wiesendanger, 1963 geboren, führt seinen Weinbaubetrieb in Ossingen in zweiter Generation. Sein Vater hatte in den späten 50er-Jahren die Rebsiedlung «Im Berg» gebaut und 1961 den ersten Jahrgang gekeltert. Jetzt bedeuteten die Trauben des letzten Jahres für den Betrieb den 50. Weinjahrgang. Um das Jubiläum gebührend zu feiern, kelterte Wiesendanger einen Cuvée Jubilée (und zwar aus den roten Sorten Pinot noir, Gamaret und Zweigelt).

Angesichts der Tatsache, dass der Weinkonsum stagniert, dass einzelne Winzer bereits Rebberge aufgegeben haben, dass die Produktionskosten in der Schweiz hoch sind und die Konkurrenz aus Australien, Südafrika, Chile und Kalifornien stark drückt, ist sich Wiesendanger bewusst, «dass ich kämpfen muss». Insbesondere leistet er bei den bestehenden Kunden – Privatpersonen und 40 Restaurants im Raum Winterthur-Zürich – und auch bei möglichen neuen stetige Über zeugungsarbeit: «Die Qualität der Zürcher Landweine, die einst als Beerliwii nicht hoch im Kurs standen, ist in den letzten 30 Jahren markant gestiegen. Das will und kann ich den Konsumenten glaubhaft versichern.» Zum Beispiel auch durch die Auszeichnungen, die er an Produzentenwettbewerben (so am jährlichen Mondial Pinot noir in Sierre) immer wieder bekommt. Zur Qualitätssteigerung der Zürcher Landweine haben verschiedene Faktoren beigetragen: die Reduktion der Traubenmenge an jedem Stock im Rebberg, der intensivere Aufwand in der Traubenpflege, die Klimaerwärmung und nicht zuletzt die disziplinierte Arbeit der Winzer im Keller.

Hatte sein Vater mit einer Anbaufläche von 1,2 Hektaren begonnen, bewirtschaftet Hans Wiesendanger heute 7,3 Hektaren. Er hat einen gelernten Winzer fest angestellt und kann für gewisse Arbeiten Aushilfskräfte einsetzen. Für den Wümmet sind es bis zu 25 – unter ihnen Frührentner der Stadtpolizei Zürich.

Alle Büroarbeiten erledigt seine Frau Brigitte. «Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Und vor allem auch dafür, dass sie jegliches Chaos locker ausbügelt», sagt Wiesendanger. Bereits packen auch die beiden Kinder tüchtig zu, die 13-jährige Jana und der 12-jährige Reto. Im Betrieb werden pro Jahr 50 000 bis 70 000 Flaschen abgefüllt: verschiedene Rot-, Rosé- und Weissweine, auch ein Schaum- und ein grappaähnlicher Branntwein sowie ein alkoholfreier Traubensaft.

Hans Wiesendanger hatte schon als Kind den Wunsch, wie sein Vater Winzer zu werden. Er absolvierte die entsprechende Ausbildung und besuchte im In- und Ausland viele Weinbaugebiete. Die Freude am Beruf ist noch heute ungebrochen. Sie gründet zum einen in der Arbeit im Rebberg und der Produktion im Keller: «Nichts Schöneres, als einen gelungenen Wein zu degustieren», sagt er. Zum andern freut er sich, wenn seine Weine auf dem Markt, bei der Kundschaft Anklang finden: «Das gibt mir die Motivation und die Kraft, um – hoffentlich wieder mit der Unterstützung der Natur – den nächsten Jahrgang herzustellen.»

Soll das Weingut Wiesendanger in Zukunft weiter wachsen? «Nicht unbedingt. Für mich stimmt es so, wie es heute ist», sagt der Inhaber. Die Rebfläche würde er höchstens um frei werdende benachbarte Parzellen vergrössern, aber sicher nicht durch den Zukauf von Parzellen in andern Gemeinden. Dass er vor zehn Jahren das ge­gen­über dem Weingut liegende, von der Gemeinde Ossingen 1927 erstellte, dann aber nicht mehr benötigte Reservoir übernehmen und umbauen konnte, erwies sich als Glücksfall: Von den beiden früheren Wasserkammern nutzt er heute die eine zur Lagerung seiner Eichenfässer und die andere für Degustationen und als Gesellschaftsraum für bis zu 80 Personen.

Freizeit bleibt Hans Wiesendanger nicht viel. Er nutzt sie für seine Familie, fischt im Husemersee, turnt in der Männerriege und ist politisch als Ossinger Delegierter in der Zürcher Planungsgruppe Weinland tätig. Auch kommt er in der ganzen Schweiz als Experte der Hagelversicherung zum Einsatz: «Das erweitert mir den Horizont und verschafft mir schöne Kontakte – auch wenn es natürlich für die Winzer nie lustig ist, wenn es hagelt.»

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