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Amazon: Zieht die Karawane weiter?

Der Internetversandhändler Amazon steht in Deutschland seit einiger Zeit in der Kritik von Gewerkschaften. Nun baut das Unternehmen im günstigeren Polen neue Logistikzentren. Es bestreitet, dass der Gewerkschaftsstreit der Grund dafür sei.

Das US-Unternehmen Amazon existiert noch keine 20 Jahre. Trotzdem hat es den Versandhandel revolutioniert. Längst werden auf der Internetseite nicht mehr nur Bücher, sondern fast alle möglichen Produkte angeboten, oft zu vergleichsweise attraktiven Preisen. Amazon beschäftigt aktuell mehr als 90 000 Mitarbeitende und erzielte im vergangenen Jahr weltweit einen Umsatz von über 60 Milliarden Dollar. In diesen Tagen beginnt für Amazon wieder einmal die umsatzstärkste und damit schönste Zeit des Jahres: Das Weihnachtsgeschäft steht vor der Tür. Schuften für Schweizer Päckli Für Schweizer Kunden kommt die frohe Päckli-Bescherung jeweils aus einem von acht Logistik- und Versandzentren, die das Unternehmen in Deutschland betreibt. Weil die rund 9000 in Deutschland dauerhaft beschäftigten Mitarbeiter die Flut an Bestellungen nicht alleine bewältigen können, werden sie auch dieses Jahr wieder temporäre Hilfe von Tausenden Kollegen und Kolleginnen erhalten. So viele helfende Hände sind in unmittelbarer Nähe der Verteilzentren nicht zu finden, dar­um werden die Aushilfskräfte von spezialisierten Unternehmen in halb Europa angeworben, gerade auch in den von Wirtschaftskrisen und hoher Arbeitslosigkeit geplagten südeuropäischen Ländern. Harte Arbeit, karger Lohn Dass die Arbeit in den riesigen Lagerhallen von Amazon alles andere als ein gut bezahlter Traumjob ist, wurde unter anderem in der ARD-Dokumentation «Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon» eindrücklich dargestellt. Der Film, der im vergangenen Februar ausgestrahlt wurde, bescherte dem Unternehmen unzählige empörte Reaktionen. Lange und harte Arbeitstage stehen einem vergleichsweise bescheidenen Lohn gegenüber. Kritisiert wurde dar­über hinaus die bescheidene Unterbringung sowie die Verpflegung der Temporärangestellten. Auch wenn einige der Vorwürfe sich im Nachhinein als etwas arg zugespitzt herausstellten, kommt Amazon in Deutschland seither kaum mehr aus dem Strudel der Kritik heraus. Deutsche Gewerkschaften kritisieren nicht nur den Umgang mit den Temporärangestellten in der Vorweihnachtszeit, sondern auch generell die Löhne und Arbeitsbedingungen der festangestellten Mitarbeiter. Erste, kleinere Streiks gab es deswegen bereits, und die Gewerkschaft Verdi droht mit einer Ausweitung der Kampfmassnahmen. «Ich würde mich an Amazons Stelle nicht dar­auf verlassen, vor Weihnachten alle Kundenversprechen einhalten zu können», drohte Verdi-Sekretär Heiner Reimann kürzlich im Nachrichtenmagazin «Der Spiegel». Die Gewerkschaft fordert, dass Amazon die Angestellten nach Ansätzen bezahlt, die im deutschen Detail- und Versandhandel üblich sind. Amazon stellt sich auf den Standpunkt, primär ein Logistikkonzern zu sein, weshalb die tieferen, in dieser Branche ­üblichen Löhne genügen würden. Flucht nach Polen? Dass Amazon nun ankündigte, im Nachbarland Polen in den kommenden zwei Jahren mehrere grosse Logistikzentren bauen zu wollen, ist vor diesem Hintergrund natürlich brisant. Das Unternehmen dementiert, dass die in Polen geplanten Logistikzentren bereits bestehende Standorte in Deutschland ersetzen sollen. Hauptsächlich gehe es darum, die Voraussetzungen für eine weitere Expansion des Europageschäfts zu schaffen. Widersprüchlich ist aber, dass von Polen aus zukünftig Kunden der deutschen Internetseite beliefert werden sollen. Der Verdacht liegt nahe, dass Amazon angesichts der hartnäckigen Forderungen deutscher Gewerkschaften lieber in Polen expandiert, wo das Lohnniveau ganz allgemein deutlich tiefer ist. Die Ankündigung dürfte das Misstrauen der Gewerkschaften auf jeden Fall weiter steigern.

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