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«An der Uni fürchten sich viele»

Die Philosophin Ursula Pia Jauch ist treibende Kraft hinter dem Aufbegehren der Professoren gegen das Sponsoring von Forschung. Dass sich nur relativ wenige Zürcher wehrten, sei logisch.

Frau Jauch, Sie haben diese Woche als Mitinitiantin des «Zürcher Appells» das 100-Millionen-Geschenk der UBS für die Uni Zürich kritisiert. War­um erst jetzt? Das ist doch schon seit einem Jahr bekannt. Ursula Pia Jauch: Einen konkreten Anlass gibt es nicht, ausser unserem grossen Unbehagen seit jenem Entscheid. Uns geht es ohnehin nicht um den Fall UBS – der ist nur der Auslöser. Als Staatsbürger und als Wissenschafter machen wir uns Sorgen um die Unabhängigkeit von Lehre und Forschung, wie sie die Bundesverfassung garantiert. Die Presse hat das Thema vor einem Jahr nur kurz aufgegriffen, dann war es wieder passé. Wir finden aber: Dar­über muss man reden. Es fällt auf, dass von den 27 Erstunterzeichnern nur sieben an der Uni Zürich angestellt sind. Haben Sie dort nicht mehr Unterstützung gefunden? Wir haben bewusst nicht nur Leute von der Uni Zürich gesucht, weil das Pro­blem eine internationale Angelegenheit ist. Hinzu kommt, dass viele Zürcher Akademiker sich fürchten, gegen die eigene, leider recht autokratische Unileitung öffentlich zu opponieren. Inwiefern ist sie autokratisch? Wir haben ja letztes Jahr erst aus der Zeitung vernommen, dass die Universitätsleitung diesen Vertrag mit der UBS abgeschlossen hat. Der Rektor der Uni Basel hat mir neulich in einem Gespräch gesagt, er hätte das nie ohne eine interne Vernehmlassung gemacht. Mit der Zivilcourage ist es an der Uni Zürich zurzeit etwas schwierig. Je weiter wir uns von Zürich entfernten, desto einfacher wurde es, Erstunterzeichner zu finden. Die Dozenten in Zürich hatten Angst? Es herrscht grosse Zurückhaltung. Viele fürchten, von der Universitätsleitung als illoyal angesehen zu werden. Daher wohl ihr vorauseilender Gehorsam. Kommen wir auf die UBS zurück – der Appell ist ja eindeutig auf die Grossbank gemünzt. Da steht zum Beispiel, der Ruf der Universitäten nehme Schaden, wenn sie Geld annähmen von Firmen, die man mit «Skandalen und unethischem Verhalten» assoziiere. Ja, diese Formulierung bezog sich auf die UBS. Die Bank ist aber nur eines von verschiedenen Beispielen. Sie müssen sich vergegenwärtigen, dass die UBS zurzeit in Zürich keine Steuern zahlt. Es ist klar, dass sie gerne sagt: «Wir schenken der Universität 100 Millionen Franken.» Aber sie zahlt keine Steuern – aus staatsbürgerlicher Sicht ist das problematisch. Wie meinen Sie das? Wollen Sie suggerieren, dass das Geld der Bank jetzt einfach über andere Kanäle fliesst, die der Bank mehr Einflussnahme sichern? Das ist anzunehmen. Hinzu kommt der Effekt des Brandings. Ich halte es für einen echten Sündenfall, dass man jetzt an der Universität ein UBS-In­sti­tut hat. Wenn ich als Professorin an die Uni Zürich gehe, steht hinten «Erbaut durch den Willen des Volkes» und innen steht dann «UBS». Das stört mich, und ich bin damit nicht allein. Der Rektor der Uni, Andreas Fischer, hat erneut versichert, die Unabhängigkeit von Lehre und Forschung sei trotz des UBS-Sponsorings gewährleistet. Das ist reine Medienpolitik. Die Unabhängigkeit ist schon lange gefährdet. Schauen Sie: Wenn die UBS bloss den Druck einer Publikation zahlen würde, ohne auf die Wahl des Themas Einfluss zu nehmen, dann würde mich das überhaupt nicht stören. Aber auf der Homepage des von der UBS finanzierten In­stituts steht nicht nur ihr Logo, es hat sogar einen direkten Link zur UBS. Je nach Perspektive sieht das aus, als wäre die Universität Zürich eine Filiale der Bank. Das geht einfach nicht. Wir leben in einem Land, in dem der Staatsbürger nach wie vor um die 87 Prozent der öffentlichen Universitäten zahlt. Haben Sie über Ihr Unbehagen hinaus auch irgendwelche konkreten Anhaltspunkte dafür, dass die Unabhängigkeit an der Uni nicht mehr gegeben ist? Ja, die gibt es. Ursprünglich machte bei uns auch ein Professor vom In­sti­tut für Banking und Finance mit, der sich wiederholt kritisch geäussert hatte zu jenen toxischen Finanzprodukten, wie sie unter anderem von der UBS angeboten wurden. Er geriet intern so stark unter Druck, dass er ausgestiegen ist. Und zwar nicht, weil er unsere Sache nicht gut fand, sondern weil er befürchten musste, dass er sich selbst schade – was ich nachvollziehen konnte. Die Uni nimmt ja nicht nur von der UBS Sponsorengelder an. Gibt es auch ethisch untadelige Firmen, bei denen das Ihrer Ansicht nach in Ordnung ist? Dar­um geht es gar nicht. Keine In­sti­tu­tion darf Einfluss nehmen auf den Namen, das Branding und den neu­tralen Ort Universität. An einer Schweizer Universität – ich sage jetzt nicht an welcher – besteht offensichtlich die Aussicht, dass die katholische Kirche einen Lehrstuhl sponsert. Auch das ist pro­blematisch. Aber Geld an sich ist moralisch neutral. Eine Universität, die der Meinung ist, man müsse immer mehr davon akquirieren, weil das der Weg zur Erkenntnis sei, müsste sich überlegen, wie sie Akquirieren besser machen kann. Wie sollte sie denn vorgehen? Zum Beispiel, indem sie einen Fonds einrichtet, in den das Geld fliesst. Dort würde es sozusagen neutralisiert, ehe es verteilt wird – verteilt nicht vom Sponsor. Leider läuft der noch immer geheime Vertrag, den die Uni mit der UBS abgeschlossen hat, anders. In den Naturwissenschaften gibt es sehr kostspielige Forschungszweige. Sitzt die Uni da nicht ganz einfach am kürzeren Hebel, weil sie Geld braucht? Wir haben heute in der Wissenschaft einen hochgradigen Finanz- und Rüstungswettbewerb. Die Dynamik dahinter lautet: Die teuerste Forschung ist die beste. Aber das trifft nicht zu. Wie kommen Sie zu diesem Schluss? Es gab in der Vergangenheit viele Projekte, in die überaus viel Geld investiert wurde, und doch waren die Ergebnisse minim. Wenn Geld der Ausweis dafür ist, dass Forschung gut ist, dann stimmt in der Wissenschaft etwas nicht mehr. Erinnern Sie sich an die Grundlagen der Geometrie: Was brauchte Euklid für seine Erkenntnisse? Sagen Sie es mir. Einen guten Kopf, einen Stab, Sand und Zeit. Nicht mehr. Forschung muss eine Fragestellung haben. Aber lesen Sie bitte einmal den Handelsregisterauszug der UBS-Foundation. Dort gibt es keine Fragestellung. Es geht nur darum, spitze zu sein. Was heisst das? Spitze zu sein ist ein quantitatives Kriterium, das mit Inhalten nichts mehr zu tun hat. www.zuercher-appell.ch

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