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Anlageberater sollen ihren Kunden reinen Wein einschenken

Demnächst berät das Parlament eine neue Gesetzesgrundlage für Finanzdienstleister. Sie wird Banken und vor allem kleineren Finanzverwaltern das Leben erschweren und Kunden besser schützen.

Auf den Schweizer Finanzplatz rollt eine Regulierungswelle zu, wie ihn dieser wahrscheinlich noch nie erlebt hat. Sie verbirgt sich hinter der harmlosen Bezeichnung Kleeblattreform. Ein wesentlicher Treiber ist die internationale Vernetzung – wenn der Schweizer Finanzplatz nicht mitzieht, verliert er den Anschluss. Es fliessen auch Lehren aus der Finanzkrise ein. Und die Bankenskandale der vergangenen Jahre verleihen der Reform Schub. Erst diese Woche wurde publik, dass US-Behörden gegen eine Reihe von international tätigen Grossbanken – darunter UBS und CS – eine Untersuchung wegen Manipulation von Edelmetallkursen einleiten (siehe Text rechts). Solche fragwürdigen Bankgeschäfte sind starke Argumente für einen Ausbau des Schutzes von Anlegern. Diese sollen neu umfassende und einheitlich gestaltete Dokumentationen über Finanzprodukte wie Aktien erhalten. Bauchweh bereitet den Banken, dass sie einen Prozesskostenfonds äufnen müssen, damit unzufriedene Kunden gegen sie klagen können. Und eine Beweislastumkehr soll den Gang vors Gericht zusätzlich erleichtern: Gemäss Vorlage haben künftig im Streitfall nicht mehr Kunden eine unsorgfältige Beratung der Banken zu beweisen. Stattdessen müssen diese belegen, dass alles korrekt gelaufen ist.

Schutzbedürftige Kunden

«Die EU geht beim Anlegerschutz von schutzbedürftigen Anlegern aus», sagt Pascal Sprenger, Director Regulatory Competence Center bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG. Den Finanzdienstleistern werden umfassende Warnpflichten verordnet, das sei wie ein langer Beipackzettel für Medikamente. Ob das aus Schweizer Sicht notwendig ist, bezweifelt Sprenger jedoch und fragt rhetorisch: «Investieren nur Kunden ohne Kenntnisse in Finanzprodukte?» Ähnlich hinterfragt Sprenger die neuen Vorschriften für Vermögensverwalter. «In dieser Hinsicht ist die Schweiz, trotz mehrerer Versuche, das zu korrigieren, bis heute in Europa eine Insel geblieben.» Vielleicht auch zu Recht, meint Sprenger. Denn in der Vermögensverwaltung habe es bisher nur wenige Missbräuche gegeben. Der zusätzliche Aufwand, der mit der Reform einhergeht, ist Ausdruck eines anderen Rechtsverständnisses: «Bisher basierte das Recht auf mehr Eigenverantwortung des Kunden, neu erhält er quasi eine Vollkaskoversicherung», sagt Günther Dobrauz. Er vergleicht es auch mit einem «wenig differenzierten russischen Haarschneideansatz» – vieles wird normiert. Die historisch stark föderale Strukturgesetzgebung der Schweiz werde sich in der neuen Finanzmarktregulierung nicht mehr widerspiegeln. Die Schweiz nähere sich mit dieser grundlegenden Reform der zentralistischen EU-Systematik an.

Droht eine Prozesslawine?

Der erwähnte Prozesskostenfonds und die Beweislastumkehr sind umstritten – Interessenvertreter rechnen zum Beispiel schon mit einer Prozesslawine, wenn der erwähnte Fonds kommt. Doch in ihren Grundzügen ist die Vorlage nicht zuletzt wegen der erwähnten Bankenskandale kaum noch zu stoppen. Günther Dobrauz, bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PWC Leiter Legal Regulatory Services, formuliert es so: «Parlamentarier, die sich derzeit in solchen Fragen scheinbar gegen die Konsumenten und für die Banken einsetzen, riskieren einen politischen Selbstmord.» Er macht die Erfahrung, dass es schwierig ist, über das Thema zu informieren, weil «Emotionen im Spiel sind». Die Kleeblattreform umfasst vier neue Gesetze mit sperrigen Titeln (siehe Box unten). Eines davon, das Finanzmarktaufsichtsgesetz, ist bereits in Kraft. Das politische Seilziehen um diese Vorlage dürfte nur ein Vorgeschmack gewesen sein auf das, was vor allem beim Finanzdienstleistungsgesetz blüht. Das Paket hat schmerzhafte Folgen. Denn steigende Regulationsdichte bedeutet mehr Aufwand. Und dieser trifft insbesondere die kleinen Vermögensverwalter. «Die Anbieter von Finanzdienstleistungen müssen die gleichen Formulare ausfüllen, egal ob sie 10 oder 10000 Kunden betreuen», fasst es Pascal Sprenger zusammen. Nachdem Deutschland vor rund 17 Jahren ähnliche Finanzmarktreformen umgesetzt hatte, blieben 80 bis 90 Prozent der kleinen Vermögensverwalter auf der Strecke – sie schafften es nicht, unter den neuen Bedingungen genügend Rendite zu erzielen. Die Ausgangslage in Deutschland war eine andere als jetzt in der Schweiz. Dennoch rechnet Alexander Rabian auch hier mit einer Bereinigung: «Sicher die Hälfte kann nach der Umsetzung nicht mehr genügend Marge erwirtschaften», sagt der Geschäftsführer der Selbstregulierungsorganisation (SRO) des Verbands der Schweizerischen Vermögensverwalter. Andere Experten zeichnen ein weniger dramatisches Bild. Doch ganz ohne Abstriche dürfte es nicht gehen: Ein Rückgang der Zahl der Vermögensverwalter um 10 bis 20 Prozent dürfte der Realität näher kommen. Die SRO hat triftige Gründe für pessimistische Prognosen. Als Interessenvertreterin muss sie für gute Bedingungen kämpfen. Zudem steht auch die SRO vor Umwälzungen, weil das Gesetzespaket eine neue umfassende Aufsicht der Vermögensverwalter vorsieht.

Excel reicht nicht mehr

Vermögensverwaltung ist ein verschwiegenes Geschäft. Die kontaktierten Firmen wollen nicht namentlich genannt werden. «Der Sockelaufwand nimmt mit den Gesetzesreformen enorm zu», erzählt jemand. Ein Geschäftsleiter, der weniger als ein halbes Dutzend Angestellte beschäftigt, beschreibt das anhand eines Beispiels: «Heute arbeiten wir mit Excel-Tabellen, neu müssen wir ein System einführen, das die Speicherung nicht veränderbarer Rapporte erlaubt.» Nur ein solches System gewährleistet genügend Rechtssicherheit, um gegen Klagen von Kunden gewappnet zu sein. Während eine solche Infrastruktur bei grösseren Banken längst Standard sei, müssten Vermögensverwalter dafür nun ansehnliche Summen investieren. Alternativ lässt sich die Dienstleistung an dafür spezialisierte Firmen outsourcen. Doch das schmälert die Marge. Und wie weit sich die zusätzlichen Kosten auf den Kunden abwälzen lassen, ist unklar. Nebst zusätzlichen Investitionen in die Informatik und mehr administrativer Arbeit müssen etliche auch ihre Organisation anpassen: Gleichzeitig das Geschäft zu führen und im Verwaltungsrat Einsitz zu nehmen, geht nach den neuen Gesetzen, wie sie jetzt vorgespurt sind, beispielsweise nicht mehr.

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