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«Anna Karenina» in bewegenden Bildern

Das neue Ballett von Christian Spuck nach Leo Tolstois Roman zeigt Stationen der Liebe verschiedener Paare. Leidenschaftlicher Tanz in den grandiosen Kostümen von Emma Ryott macht das Werk theaterwirksam.

Die Uraufführung im Zürcher Opernhaus beginnt mit Eisenbahnlärm. Wer im Publikum das literarische Kunstwerk kennt, weiss, dass sich die Titelheldin jetzt unter den Zug wirft und dass die Geschichte also mit dem Schluss beginnt. Und im Tableau Vivant der Trauernden kann er dann alle Figuren unterscheiden. Auch in der von da an chronologischen Szenenfolge sieht er vieles, was ohne Vorwissen unverständlich ist. Dafür muss er Vergröberungen wegstecken können. Ansätze zum Erzählen Spuck hat sich auf Handlungsballette spezialisiert und benutzt gern grosse literarische Stoffe. Meist dienen ihm Theaterstücke als Vorlage, seltener Novellen oder Romane. Als erste choreografische Uraufführung seiner Zürcher Ära wählte er vor zwei Jahren «Romeo und Julia». Da folgte er genau Prokofjews beliebter Ballettmusik und hatte mit seiner Version grossen Erfolg. In «Anna Karenina» entschied er sich, die Textfülle selbst in ein Tanzdrama zu überführen. Natürlich übernimmt er Schlüsselszenen aus dem Roman, die sich für die Bühne anbieten, wie den Ball und das Pferderennen. Sonst fehlt das von Tolstoi so präzis gezeichnete soziale Umfeld der Personen und ihre höchst differenzierte Charakterisierung. Spuck zeigt Gesellschaftliches meist als Karikatur. Im Einheitsbühnenbild (Jörg Zielinski und Spuck) mit den schon fast obligatorischen verschiebbaren Podesten vor dem Hintergrund von Filmausschnitten und Standbildern (Videodesign: Tieni Burkhalter) inszeniert er kontrastierende Bewegungsbilder, die ineinander verlaufen oder durch Schnitte abgegrenzt sind. Der Tanz kon­zen­triert sich auf Aspekte der Gefühle der Figuren. Während Tolstoi einen grossen ideellen und psychologischen Aufwand betreibt, um zu zeigen, dass die Liebe nicht recht haben kann, hat die Liebe in «Anna Karenina» als Ballett fraglos recht. Zu deren Darstellung braucht der Choreograf die Hilfe der Musik. In seiner Collage aus Konzert-stücken konfrontiert er Musik von Rachmaninow mit solcher von Lutoslawski. Die Philharmonia Zürich unter der Leitung von Paul Connelly mit Josiane Marfurt am Klavier wechselt souverän von rauschender Klangharmonie zu verstörender Zerstückelung. Innigkeit verbreiten die Auftritte der Sängerin Anna Stéphany. Tänzerische Interpretation Choreografisch setzt Spuck seine wohlbekannten, inhaltlich neu-tralen Bewegungsmuster ein, findet aber wie immer spezifische Tanzformen für einzelne Figuren. So charakterisiert er die Rolle des Lewin als spontanen Jugendlichen, der seine Gemütsschwan- kungen unmittelbar äussert, was von Tars Vandebeek eindrücklich vorgeführt wird. Bei den übrigen Personen verlässt sich der Choreograf auf die Darstellungskunst seiner Truppe. Katja Wünsches Kitty findet naiv und frisch ihr Liebesglück. Hervorragend ist das unglückliche Paar besetzt. Arman Grigoryans Stiwa schwankt überzeugend zwischen leichtsinnig-egoistischem Lebensgenuss und ernst gemeinten Bemühungen um seine Frau, die mit ihrem Besitz seine Seitensprünge und die Familie finanziert. Galina Mihaylovas Dolly fasziniert durch die vielschichtige Gestaltung einer Frau, die ihren Mann trotz allem liebt, aber nicht mehr achtet, die Ehe erträgt und seinen gelegentlichen Annäherungen mit Skepsis begegnet. Filipe Portugals Karenin bewahrt angesichts des Ehebruchs seiner Gattin strenge Haltung. Denis Vieiras Wronski überlässt sich hingerissen seinem Begehren. Und Viktorina Kapitonovas Anna Karenina verkörpert die Verwandlung der durch Heirat reich gewordenen Gesellschaftsdame zur rückhaltlos Liebenden grossartig. Die innere Zerrüttung, Einsamkeit und Eifersucht äussert sich dann jedoch nur durch Erstarrung und den Griff zum Opium und zum – wie zu Beginn – unsichtbaren Selbstmord.

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