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Arbeitsintegration: «Erfolg» hinterfragt

LUZERN/BERN. Letztes Jahr haben die kantonalen IV-Stellen eine Zahl von Menschen mit Behinderung ins Berufsleben eingegliedert, die einer ganzen Stadt entspricht. Die Behindertenorganisationen verlangen von Politik und Wirtschaft dennoch mehr Engagement.

Letzte Woche fuhr der Ständerat einen harten Kurs, der für einige IV-Bezügerinnen und -Bezüger einen tiefen finanziellen Einschnitt zur Folge haben kann. Wie der Nationalrat verzichtete die Kleine Kammer zwar auf die Kürzung der sogenannten Kinderrenten, doch zeigte sie wenig Erbarmen bei der Anhebung der Schwelle für eine Vollrente. Heute bekommen Menschen eine volle Rente ausbezahlt, wenn sie einen Invaliditätsgrad von 70 Prozent aufweisen (Definition siehe Box). Künftig soll die Schwelle bei 80 Prozent liegen. Behindertenorganisationen reagierten empört und drohten, das Referendum zu ergreifen, sollte der bisher milder gesinnte Nationalrat im Sommer auf den Kurs des Ständerates einschwenken (Ausgabe vom Mittwoch).

Doch war­um eigentlich diese Empörung? Immerhin frohlockte ebenfalls letzte Woche die IV-Stellen-Konferenz (IVSK, Dachverband der 26 kantonalen IV-Stellen, der IV-Stelle des Bundes für Versicherte im Ausland und der liechtensteinischen Invalidenversicherungsanstalt), die berufliche Eingliederung von Menschen mit dauernden gesundheitlichen Problemen entwickle sich erfreulich. Der Anteil der wieder eingegliederten beeinträchtigten Menschen habe 2012 im Vergleich mit dem Vorjahr sogar gesteigert werden können, nämlich um satte 44 Prozent. In absoluten Zahlen haben die IV-Stellen also 16 629 Behinderte im ersten Arbeitsmarkt platziert. IVSK-Präsident Jean-Philippe Ruegger machte einen imposanten Vergleich: «Diese Zahl entspricht der Einwohnerzahl der Stadt Solothurn.»

Keine Angabe zur Qualität

In dieser beeindruckenden Zahl inbegriffen sind allerdings nicht nur neu geschaffene Nischenarbeitsplätze, sondern auch der Erhalt von Jobs und Umplatzierungen im gleichen Unternehmen. Insgesamt neu entstanden sind laut IVSK-Erhebung «nur» 6000 Arbeitsplätze, eine Zahl, die dennoch zuversichtlich mache, sagte Ruegger und stimmte ein Hohelied auf die «offenen und engagierten Arbeitgeber» an.

Eva Aeschimann von der Behinderten-Selbsthilfe Agile setzt hinter diese Aussagen jedoch ein grosses Fragezeichen. Die IVSK könne keinerlei Angaben dar­über machen, um welche Art von Arbeitsstellen es sich handle. Aeschi­mann weiss, «dass auch kurze Praktika dazu gezählt werden, ohne jede Aussicht auf eine weitere Perspektive, oder auch Stellen von ehemaligen Patienten, die nach überstandener Krankheit wieder an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren». Solches werde dann als geglückte Integration verkauft, ärgert sie sich. «Natürlich sind wir für jeden Arbeitgeber, der Verantwortung übernimmt und Arbeitsplätze für besondere Bedürfnisse schafft, dankbar», sagt Aeschimann. «Aber oft müssen Firmen kein finanzielles Risiko eingehen, profitieren von einer Arbeitskraft, deren Lohn die IV übernimmt, und müssen keine Verpflichtungen eingehen.»

Sparen bei den Falschen?

Tatsächlich lassen sich bei der IVSK keine näheren Angaben in Erfahrung bringen über Qualität und Nachhaltigkeit der Eingliederungen. So kann sie laut deren Sprecher Fabio Colle keine Auskunft geben über die genaue Anzahl der in der Medienmitteilung gepriesenen «vielen Arbeitgeber», welche Behinderte beschäftigen, auch nicht, welche Branchen besonders engagiert sind, ob eher Grosskonzerne oder KMU. Nicht einmal über die Arbeitspensen oder die Arbeitsvertragsdauer der Wiedereingegliederten ist etwas zu erfahren. «Tut uns leid», sagt Colle nur. Man habe eine rudimentäre Erhebung gemacht.

Dass die IV sparen müsse, das sieht auch Behindertenvertreterin Aeschimann ein. Dass man von einem abgestuften System zum linearen Rentensystem übergehe, wie letzte Woche im Rat beschlossen, sei richtig. Doch die Schwelle der Invaliditätsgrenze von 70 auf 80 Prozent für eine Vollrente sei falsch. «Damit werden jene mit dem höchsten Invaliditätsgrad bestraft.» So finde schon heute eine Person mit einem Grad von 70 Prozent keine Stelle. Viel zu wenige Arbeitgeber seien ­bereit, dieses Restarbeitspotenzial von 30 Prozent mit einem Arbeitsplatz abzufedern. «Den Arbeitsanreiz steigern müsste man bei jenen Leuten mit einem tiefen Invaliditätsgrad, diese haben auf dem Markt eher Chancen.»

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