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Archäologie, heimgemacht

Eine archäologische Sensation macht dieser Tage in den Medien die Runde, und zwar haben Forscher im ­Regenwald von Honduras Überreste einer Siedlung gefunden: Spuren von Erdwällen und Ruinen einer Pyramide sollen im Dschungel entdeckt worden sein, so stand es in der Zeitschrift «National Geographic» zu lesen. Der Fund erregt umso grösseres Aufsehen, als man sich in Honduras schon seit Jahrhunderten die Legende einer geheimen Siedlung erzählt, der sogenannten «Weissen Stadt» oder «Stadt des Affengottes».

Mich indes erfüllt diese Nachricht vor allem mit scheuer Hoffnung. Denn wenn es möglich ist, im mittelamerikanischen Dickicht eine Stadt zu finden, die man schon seit Jahrhunderten sucht, darf man wohl damit rechnen, dass auch der eigene Krimskrams, den man vor Jahren verlegt hat, irgendwann wieder aufgestöbert werden könnte. Zwar ist mein Ar­beitszimmer noch kein Dschungel (wenngleich meine Gattin hier vielleicht anderer Ansicht ist), und vor allem hat mein ­Büro nicht die Ausdehnung des honduranischen Regenwaldes, und doch muss es über einen geheimen Aufbewahrungsort verfügen. Dass Socken tatsächlich in der Waschtrommel verschwinden können, habe ich einmal bei der «Sendung mit der Maus» gesehen, wie aber der unter meinem Pult stationierte linke Pantoffel entschwinden konnte, bleibt ein Rätsel, zumal ich gar keine ­gefrässige Waschmaschine im Büro stehen habe. Dass Büroklammern, Klebstreifen und Radiergummis immer genau dann unaufspürbar sind, wenn man sie dringend braucht, will ich noch ertragen und annehmen, dass meine Söhne da ihre bastel-, zeichen- und klebwütigen Finger im Spiel hatten. Wo aber ist die Fernbedienung des CD-Spielers hin und wo die CD, die ich darin hören wollte? Wo ist die Trainerjacke, der Strohhut, die Taschenuhr, der Flachmann, das Waffeleisen, die rote Krawatte, das Zivilschutzkäppi, der Picknickkorb, die ­Tagesdecke und das Räuchermännchen? Und fragen Sie mich jetzt nicht, war­um ich das alles in meinem Büro aufbewahre. Gestohlen worden sind diese Dinge wohl kaum, denn ein mit Strohhut, Picknickkorb und Waffeleisen ausstaffierter Dieb, wäre gewiss auch der Quartierpolizei aufgefallen. Es bleibt zu befürchten, dass ich es wohl selber war, der all die Dinge verlegt hat, und so kann ich nur dar­auf warten, dass die Forscher von Honduras dereinst auch zu mir kommen, um jenen Geheimort aufzuspüren, wo all diese Schätze lagern. «Stadt des Affengottes» wird man diesen indes kaum nennen, sondern wohl eher «Büro des Affen».

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