Zum Hauptinhalt springen

Argwöhnische Sterbehilfeorganisationen

Die Sterbehilfeorganisationen machen gemeinsam Front gegen ein Nationalfonds-Forschungsprogramm zum Thema Lebens- ende. Dieses sei in seinem Auftrag nicht ergebnisoffen, wird kritisiert. Der Bundesrat wird aufgefordert, die Projektleitung auszutauschen.

Das hat es noch nicht gegeben: Gestern traten in Zürich die fünf Schweizer Sterbehilfeorganisationen gemeinsam vor die Medien. Sie sorgen sich um die liberale Schweizer Regelung der Freitodbegleitung. Dies erstaunt, denn das Thema wurde in den letzten Jahren in Medien und Politik ausgiebig diskutiert – und dann abgehakt. Im Mai 2011 wurden im Kanton Zürich zwei Volksinitiativen sehr deutlich abgelehnt, welche die Freitodbegleitung verbieten beziehungsweise einschränken wollten. Im Juni 2011 entschied sich der Bundesrat gegen eine bundesrechtliche Regelung der organisierten Freitodbegleitung und beide Parlamentskammern unterstützten ihn darin. Im Oktober 2012 sprach sich der Zürcher Regierungsrat gegen eine kantonale Regelung aus.

Ludwig A. Minelli von Dignitas äusserte gestern einen Verdacht: «Christlich-fundamentalistische und konservative» Kreise wollten die Entscheide von Volk, Politik und Justiz nach wie vor nicht akzeptieren. Sie versuchten daher, das geltende Recht «unter dem Deckmantel von Forschung und Wissenschaft zu untergraben». Das Vehikel dafür ist aus Sicht der Sterbehilfeorganisationen das Nationale Forschungsprogramm «Lebensende», lanciert im Februar 2011. Es ist mit 15 Millionen Franken ausgestattet; der Auftrag lautet, «Handlungs- und Orientierungswissen für den Bereich der letzten Lebensphase wissenschaftlich zu erarbeiten». Vor allem der Präsident der achtköpfigen Leitungsgruppe weckt den Argwohn der Sterbehilfeorganisationen: Dr. Markus Zimmermann-Acklin, Theologe, Deutscher, Lehr- und Forschungsrat für Theologische Ethik an der Universität Fribourg. Dazu Minelli: «Zimmermann ist kein Wissenschaftler und sein Fachgebiet beruht auf Voreingenommenheit, auf Glauben, aber nicht Wissen.» Vorbehalte hat man auch ge­gen­über Leitungsmitglied Brigitte Tag, Professorin Strafrecht an der Uni Zürich. Auch sie kommt aus Deutschland und ist daher laut Minelli «zu wenig vertraut mit der schweizerischen, historisch liberalen Rechtslage».

Das Nationalfonds-Programm läuft unter dem Kürzel NFP 67 (gleichlautende Homepage) und umfasst 33 Forschungsprojekte. Das Thema Sterbehilfe nehme bei NFP 67 eine überdimensionierte Rolle ein, kritisierte Bernhard Sutter von Exit Deutschschweiz. Er erinnerte daran, dass in der Schweiz «99 Prozent aller Sterbenden anders als mit Suizidhilfe sterben». Gleichwohl befassten sich vier der bewilligten Projekte explizit mit dem Thema, und in 40 Prozent der Forschungsprojekte komme es zumindest am Rande vor. Zudem werde die Sterbehilfe im NFP 67 fast ausschliesslich in kritischem bis negativem Kontext gesehen. Störend sei zum Beispiel, dass es in den Begleitunterlagen heisse, die Sterbehilfe sei in der Schweiz «gesellschaftlich umstritten», oder dass auch moral-theologische Definitionen wie «Sterben als Prozess des persönlichen Wachstums» eingeflossen seien.

Vor allem aber wird kritisiert, dass Sterbehilfeorganisationen in nur eines der Forschungsprojekte einbezogen wurden – und das auf unangebrachte Weise, wie man findet. Konkret geht es um ein Projekt mit dem Titel «Der assistierte Suizid: Entwicklung während der letzten 30 Jahre» von Christine Bartsch vom In­sti­tut für Rechtsmedizin der Uni Zürich und Thomas Reisch (Uniklinik Bern). Ein von Bartsch vorgelegter Fragebogen für Mitglieder von Sterbehilfeorganisationen stösst auf Ablehnung, weil er zu negativ abgefasst und generell zu kompliziert sei.

«Gute Gespräche geführt»

Auf Anfrage äussert Bartsch ihr Unverständnis darüber, dass die Sterbehilfeorganisationen nun nicht mehr mitmachen wollen bei ihrem Projekt. Sie habe gute Gespräche mit Exit-Leuten geführt und diese hätten sich zum Fragebogen auch eingebracht. Dieser sei übrigens noch nicht fertig ausgearbeitet gewesen, als ihr Minelli telefonisch mitgeteilt habe, dass Dignitas an einer Kooperation nicht weiter interessiert sei. Wobei Minelli zu dem Zeitpunkt den Fragebogen von ihr noch gar nicht erhalten habe.

Nationalfonds-Sprecher Ori Schipper wundert sich, war­um die Kritik gerade jetzt erfolgt. Alle 33 Projekte seien bereits am Laufen. Nur die Resultate stünden noch aus. «Wie kann man sie kritisieren, bevor sie vorliegen?» Zu Programmleiter Zimmermann sagt Schipper, dass dieser «gute Figur gemacht» habe. Die Auswahl der Projekte sei rein wissenschaftlich erfolgt. Wobei die Leitungsgruppe deren Aufnahme ins Programm ja lediglich beantrage. Die Entscheide fälle der rund 100 Schweizer Forscher umfassende Forschungsrat.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch