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Aschenbrödel tanzt sich frei

Das Malandain ­Ballet aus Biarritz und das Musikkollegium zeigen im Theater Winterthur ein ­zeitloses Tanzmärchen von Sergej Prokofjew.

Die Neuversion eines berühmten Balletts zu choreografieren, interessiere ihn nicht besonders, äusserte Thierry Malandain, seit 1998 künstlerischer Leiter des Centre choréographique national de Biarritz. Der Einladung jedoch, mit seiner Truppe das Märchenballett «Cendrillon» im ehrwürdigen alten Theater von Versailles zu zeigen, habe er nicht widerstehen können. Nicht nur dort war der Choreografie viel Erfolg beschieden. Seit der Uraufführung im Juni 2013 hat sie schon über 40 000 Zuschauer begeistert und verschaffte Ma­landain dieses Jahr die Auszeichnung als bester Choreograf bei den Taglioni European Ballet Awards. Prokofjew schuf die Partitur vor und nach dem Zweiten Weltkrieg und widmete die Komposition Tschaikowski; die Choreografien der späten 1940er-Jahre in Moskau, Leningrad und London folgten den ursprünglichen Intentionen und bezogen sich auf Petipas klassisches Meisterwerk «Dornröschen». Spätere Inszenierungen gingen freier mit dem Stoff um, die in vielem dem deutschen «Aschenbrödel» entspricht. Die Handlung spielte nun nicht mehr im Märchenreich, sondern zum Beispiel in einem Filmstudio Hollywoods (1986, Rudolf Nurejew), oder sie begann im Ballettsaal des Zürcher Balletts (2000, Heinz Spoerli). Lebendige Aufführung Malandain lässt vieles offen, weist auf den Ort der Geschehnisse nur insofern hin, als High Heels die Wände dekorieren. Zwischen Schwärze und leuchtender Helligkeit ist das Geschehen angesiedelt. Die dunkle Sturheit und Bosheit der Stieffamilie äussert sich in groteskem Tanz, die helle Traumwelt des Balletts in einer schwungvollen, ohne Spitzenschuhe getanzten, erweiterten Neoklassik. Die Titelheldin befreit sich aus der Düsternis und findet durch das Tanzen ihre Liebe. Von den traditionellen «Aschenbrödel»-Balletten ist diese Neuversion nicht sehr weit entfernt. Denn der Choreograf folgt der musikalischen Vorlage, und die erzählt schon, was passiert. Malandain kürzt die drei Akte auf knapp hundert Minuten ohne Pause und greift zur Abstraktion; dabei lässt er die Charakterisierung der Rollen, etwa der Feen, etwas vermissen. Da die Musik entscheidend miterzählt, ist die Zusammenarbeit mit dem Musikkollegium Winterthur wesentlich. Das Orchester spielte am Mittwoch unter der Leitung von David Porcelijn differenziert und präzis, ohne der Emotionalität etwas schuldig zu bleiben. Die Lebendigkeit der Aufführung machte fast vergessen, dass die von der guten Fee geschenkten High Heels nicht getragen werden und auch kein anderer Tanzschuh verloren wird. Dennoch macht sich der Prinz mit einer Schuhschachtel auf die Suche. Auch über die fehlende Konkretheit lässt man sich von der tänzerischen Ener­gie­ der Tänzer gerne hinwegtragen. Von der mitreissenden Truppe fielen besonders Miyuki Kanei als reizendes Aschenbrödel und Claire Lonchampt als noble gute Fee auf. Cendrillon: Dritte und letzte Aufführung heute, 19.30 Uhr, Theater Winterthur.

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