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Atemlos

Winterthur. Man taumelt, man träumt sich in andere Zustände hinein. Caro Thum inszeniert Goethes Trauerspiel «Clavigo» für das Theater Kanton Zürich.

In dreissig Sekunden geht es zum Mars. Schneller kann man Goethe nicht machen. Und vielleicht auch nicht besser. Regisseurin Caro Thum, die eine Spezialistin für Theater heute in Sachen Kabale und Liebe ist, zeigt Johann Wolfgang Goethes Trauerspiel «Clavigo» in ihrer Inszenierung für das Theater Kanton Zürich in einer grossartig verkürzten Fassung. Nach 75 Minuten versinkt alles, was in einem Moment so hell aufgestrahlt hat, wieder im Dunkeln – andere bräuchten dafür eine Ewigkeit. Und doch hat man alles gesehen, was diesem Seelenreisser aus dem Jahr 1774 eingeschrieben ist. Es ist die ganze Liebe. Und: die ganze Abwesenheit von Liebe. Dazwischen gibt es nichts. Dieser Goethe kennt kein Entweder-oder.

Kurz die Konstellation: Clavigo, der gesellschaftlich ein Nonvaleur war, macht am spanischen Hof eine glänzende Karriere. Für Aussichten auf mehr lässt er Marie, seine Verlobte, fallen. Und was auch weiter in diesem Spiel von Versprechungen und wiederholtem Verrat geschieht: Es gibt kein Zurück in die alte Liebe, aber auch kein Vorwärts in andere Verhältnisse. Verloren sind die Menschen mit jeder Bewegung – in welche Richtung sie auch immer gehen. So ist die Einrichtung in dieser Welt.

Die Bühne hat Stella Kasparek, die auch die Kostüme entworfen hat, mit Parkett auslegen lassen. Das Muster ist durchsetzt mit Lücken, die Linien haben sich verschoben, die Grenzen ufern aus. Das ist die Landschaft, in der dieser «Clavigo» spielt, es ist die Wohnung, in der alle Personen zusammenkommen, so weit auseinander sie auch zueinander stehen. Zwei Sessel, ein Stuhl, ein Tisch, das ist schon das ganze Mobiliar. Mehr braucht es auch nicht. Das Einzige, das hier veränderlich ist, sind die Menschen. Sie kommen von einem Zustand in den andern. Man taumelt, man träumt – und wir folgen ihnen auf ihrem Weg, atemlos.

Ganz viele Stimmen kommen hier in einem Raum zusammen. Caro Thum verdichtet die Szenen. Alle hören, was die anderen sagen, und nehmen simultan die Stimmung in sich auf. Die Inszenierung folgt quasi einem musikalischen Prinzip, es ist die Vereinigung von Entgegengesetztem. Auf dem Weg zum Ganzen gibt es aber viel Streit.

Ein Lied aber gehört einer Figur allein, es ist «The Kill» von 30 Seconds to Mars. Vera Bommer hat es auf den Lippen, aus ihrer Marie brechen die Worte heraus: What if I wanted to break? What would you do? Es ist die genaue Übertragung von «Ich weiss nicht, was ich will» der Goethe-Zeit im O-Ton. Auch «Clavigo» war so eine Art Pop. Und sicher kein Quark.

Fast die ganze Zeit wird Marie auf der Bühne sein, zuerst hineingedrückt in den Sessel, als habe sie sehr kalt, dann zunehmend freier in ihrem Gang. Miriam Wagner, die ihre recht moderne Schwester Sophie ist, kleidet sie am Rand ins Hochzeitsgewand ein, während über ihre Verhältnisse noch verhandelt wird. Auf der einen Seite: Pit Arne Pietz und Brencis Udris als Brachialeheanbahner Beaumarchais und Buenco. Auf der anderen: Carlos, Clavigos Freund, ein Liebestöter im grossen Stil. Andreas Storm hat hier, ganz, ganz kurz gesagt, eine ganz, ganz grosse Szene. Trefflich, hätte Goethe gesagt.

Auch die anderen greifen zu den Sternen. Manuel Bürgi kommt von einem Zustand in den anderen. Sein Clavigo kann mit einem Wort das Gesicht wechseln: Von «Tausend Küsse dem Engel» bis zu «Weiber, Weiber!» ist es nur ein kleiner Wechsel-Schritt.

Marie geht aber ihren Weg weiter. «I know now, this is who I really am», singt Vera Bommer, jetzt kennt sie den ganzen Text des Liedes. Marie lässt sich dann über die Grenzen fallen, die ihr das Leben auferlegte, und Clavigo, der sie gekillt hat, folgt ihr.

Ein grosses Spiel. Hinreissend, mitreissend, diese Vorstellung.

Clavigo

Theater Kanton Zürich. Die nächsten Vorstellungen an der Scheideggstrasse 37 in Winterthur: Sa, 16. Nov., 20 Uhr, So, 17. Nov., 19 Uhr. Der ganze Spielplan:

www.theaterkantonzuerich.ch

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