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Auch alte Menschen wollen Sex

Sexualität von alten Menschen und Behinderten: Das ist ein Tabu. Aber nicht fürs ZAG. Es führt einen Kongress zum Thema Sexualität und Pflege durch.

Sex von alten oder behinderten Menschen: Das ist wohl eines der wenigen übrig gebliebenen Tabuthemen. Sie sind Lehrerin am «Zentrum für Ausbildung im Gesundheitswesen» und organisieren dazu eine Tagung. Warum? Katja Zanol: Sexualität in der Pflege ist ein Tabu, dazu hat die kirchlich und karitativ geprägte Tradition der Krankenpflege beigetragen. Für Studierende und Pflegende ist Sexualität in der Pflege aber ein wichtiges Thema. Sie erzählen oft von Si­tua­tio­nen, in denen Sexualität eine Rolle spielt. Kein Wunder, schliesslich kommt man den Menschen bei der Pflege so nahe wie sonst nur dem Lebenspartner. Das verunsichert junge und erfahrene Pflegerinnen. So sind wir auf die Idee gekommen, einen ganzen Tag für das Thema zu reservieren und Fachleute einzuladen. Welche Rolle spielt denn Sexualität im Berufsalltag von Pflegenden? Die Pflege ist ein Beruf, und es kommt zu einer Dissonanz, wenn es plötzlich um sexuell konnotierte Si­tua­tio­nen geht. Bei der Intimwäsche kommen die Pflegenden an einen Grenzbereich zwischen professioneller Pflege und Sexualität. Das kann verunsichern. Wie sollen Pflegende reagieren, wenn bei der Intimwäsche Sprüche fallen? Es ist immer gut, wenn das Thema wieder auf die Sachebene kommt. Zum Beispiel, wenn man erklärt, welche Pflegeschritte nach der Intimwäsche kommen und war­um das wichtig ist. Was raten Sie den Studierenden generell, wie sie reagieren sollen, wenn es plötzlich um Sexuelles geht? Es gibt kein Patentrezept. Wichtig ist, dass der Patient nicht entwertet oder blossgestellt wird – aber gleichzeitig sollten die Pflegenden auch sich selbst nicht entwerten. Viele Pflegende sind dar­auf bedacht, dass es dem Patienten nicht noch peinlicher wird, aber sie müssen auch an sich selbst denken. Wichtig ist, dass solche Si­tua­tio­nen im Team besprochen werden. Können Sie noch ein Beispiel einer solchen Si­tua­tion machen? Ich weiss von einer Begebenheit in einem Altersheim. Ein dementer Mann war nicht in seinem Zimmer, die Pflegefachfrau suchte ihn überall. Schliesslich fand sie ihn – in der Stube des Heims, onanierend. Die Türe wieder schliessen, warten und später so tun, als wäre nichts gewesen, ist wohl keine gute Lösung. Das ist eine Möglichkeit, dar­auf zu reagieren. Wichtig ist aber wie gesagt, dass man solche Vorfälle im Pflegeteam bespricht. Denn es geht darum, dass die Pflegerin den Mann weiter­­-hin pflegen kann – ohne negative Gefühle. Inzwischen gibt es einzelne Alters- und Pflegeheime, die für die Bewohner eine Prostituierte kommen lassen. Vereinzelt kommt das vor, ja. Diese Frauen werden Sexualassistentinnen genannt. Es kann sinnvoll sein. Zwei Dinge sind zentral: Ein solcher Entscheid muss vom Pflegeteam diskutiert und letztlich getragen werden können. Und das Risiko ist hoch, dass das Thema Sexualität damit als erledigt gilt – dem ist aber nicht so. Der Gedanke, dass alte Menschen Sex haben, ist für viele eher gewöhnungsbedürftig. War­um eigentlich? Letztlich ist es ein Normenkonflikt. Wir assoziieren Sexualität mit Schönheit, Gesundheit, Jugend – mit Alter und Gebrechen hat diese Vorstellung nicht viel zu tun. Das macht es uns schwierig, damit umzugehen. Aber es ist schon so, dass das Bedürfnis nach Sex mit dem Alter abnimmt? Das Bedürfnis nach Geschlechtsverkehr und die Häufigkeit davon nehmen bei den meisten sicher ab. Was aber bleibt, ist das Bedürfnis nach Nähe, gestreichelt und berührt werden, schmusen. Es ist für viele ältere Menschen schwierig, dar­auf verzichten zu müssen. Sie machen auch Sexualität von behinderten Menschen zum Thema. Auch das ist ein Normenkonflikt. Dass behinderte Menschen sexuelle Bedürfnisse haben, fällt oft aus unserer Vorstellungswelt heraus. Auch hier ist wichtig, dass wir Sexualität nicht auf Geschlechtsverkehr reduzieren, sondern daran denken, dass es oft um Berührungen geht. Es ist wichtig, dass behinderte Menschen gut begleitet werden in ihrer Sexualität. Dazu gehört eine gute Aufklärung, die sie dazu befähigt. Sexualität zu leben, ist ein Grundrecht.

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