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Auch baumlos nicht ohne

Die Zürcher Bahnhofstrasse wird umfassend saniert. Ein Teil der serbelnden Linden wurde gefällt, weitere werden folgen. Nach der Bauerei werden alle ersetzt. Gleichzeitig melden sich aber auch Passanten, die an der baumlosen Bahnhofstrasse Gefallen finden.

Es gibt wenig Orte in der Zürcher Innenstadt, wo man Weite spüren kann. Vieles wirkt verstellt – kein Wunder. Auf so teurem Grund will jeder Qua- dratmeter genutzt sein. Den Bäumen darf man dafür nicht die Schuld geben, aber ausgerechnet ihr vorübergehendes Nichtvorhandensein kann einen momentan zum überraschten Innehalten angesichts grosszügiger Leere bringen. Wer in die Bahnhofstrasse zwischen St. Annahof und Uraniastrasse einbiegt und den baumlosen Abschnitt zum ersten Mal erblickt, ist auf nicht unangenehme Weise irritiert. Er spürt, wie ungeahnt breit diese Strasse doch ist. Und er nimmt Fassaden wahr – nicht die hässlichsten entlang dem teuersten Pflaster der Welt. Ins Auge sticht etwa auch der sonst kaum sichtbare Giebel auf dem Haus zur Trülle mit seinen kunstvollen Verzierungen. Die Bäume wurden gefällt im Rahmen der Komplettsanierung der Bahnhofstrasse. Sie hat letzten April begonnen und soll dieses Jahr bis rechtzeitig vor dem Weihnachtsgeschäft beendet sein. Das Fällen der Bäume im mittleren Teil der Bahnhofstrasse hatte letzten Frühling für einiges Aufsehen gesorgt. Nächstens sollen nun neue Bäumchen an ihrer Stelle gepflanzt werden. Gleichzeitig werden die letzten zwei Bauetappen unten beim Hauptbahnhof (bis Uraniastrasse) und oben beim See (Talstrasse bis Paradeplatz) in Angriff genommen. Auch hier werden dann zuerst einmal die Bäume entfernt. Wie im mittleren Abschnitt sind sie am Ende ihrer Lebensdauer angelangt. Ausserdem muss Platz geschaffen werden für behindertengerechte Haltestellen. Insgesamt werden 72 der 177 Bahnhof- strassenlinden gefällt und ersetzt, wurde letztes Jahr zu Beginn der Bauarbeiten vom städtischen Tiefbauamt mitgeteilt. Am Schluss dürften es mehr sein, sagt Amtssprecher Stefan Hackh. Im Detail werde nächste Woche über die letzten zwei Bauetappen informiert. Dass man einen Abschnitt baumlos belassen könnte, war nie ernsthaft Thema. Dabei gäbe es auch noch praktische Vorteile, wie etwa den, dass sich die Weihnachtsbeleuchtung leichter installieren liesse. «Wir haben das auch schon diskutiert», sagt Markus Hünig, Sekretär der Vereinigung Zürcher Bahnhofstrasse. Auch habe er aktuell einige Reaktionen erhalten im Tenor, dass der baumlose mittlere Abschnitt durchaus seinen Reiz habe. «Schön ist etwa, wie die Gebäudefronten zur Geltung kommen.» Klar sei jedoch: «Die Stadt will wieder Bäume.» Im Weiteren sagt er: «Das ist eine zweischneidige Sache mit den Bäumen.» Er verweist auf den Paradeplatz, der vor einigen Jahren umgestaltet und von dem damals die Bepflanzung entfernt wurde. «Der Platz wirkt heute fast zu kahl», sagt Hünig. Als nicht zu unterschätzenden Pluspunkt der Bäume nennt er ihre Eigenschaft, Schatten zu spenden. Schliesslich ist die Bahnhofstrasse auch Einkaufsmeile und die Kundinnen und Kunden sollen sich auf ihr auch an heissen Sommertagen wohlfühlen. «Keine Religionsfrage» Ob mit oder ohne Bäume – «Eine Religionsfrage ist das nicht», sagt Publizist und Architekt Benedikt Loderer. Schlimm sind aus seiner Sicht Baumpakete, sprich: wenn zu viele Bäume auf zu engem Raum beieinanderstehen. «Dann lieber keinen Baum», sagt er. Ob die Linden an der Bahnhofstrasse zu eng stehen, dazu will er sich kein Urteil erlauben. «Das wissen die Gärtner.» Wo Bäume fehlten, sei mehr sichtbar von der Strasse in ihrem Zusammenhang, hält Loderer weiter fest. Andererseits, so fügt er an, sei ein Ort wie die Zürcher Bahnhofstrasse auch in ihrem geschichtlichen Zusammenhang zu sehen. Entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts, war sie auf eine «Fussgängerwelt» zugeschnitten. Und da gehörten Bäume einfach dazu. Neben der Kühlung durch den Schatten wurde ihnen damals als weitere wohltuende Wirkung eine Verbesserung der Luft zugeschrieben. Linden trotz allem Historisches Faktum ist auch, dass es immer schon Linden waren, die an der Bahnhofstrasse standen. Bereits am Fröschengraben, der für den Bau der Bahnhofstrasse zugeschüttet wurde, wuchsen Linden. Und so sollen an der Bahnhofstrasse auch weiterhin Linden wachsen, auch wenn ihnen die Stadthitze im Sommer und das Streusalz im Winter offensichtlich schlecht bekommen. Die zu ersetzenden Bäume im unteren Teil zum Beispiel wurden erst vor gut zehn Jahren gesetzt. Mit baulichen Massnahmen wird versucht, den neuen Bäumen das Leben angenehmer zu machen. Der Wurzelraum wird weiter angelegt, neue Abdeckungen sollen für mehr Feuchtigkeit und geringere Bodenverdichtung sorgen. Die Stadt Zürich verfügt über ein Alleenkonzept, das auf der Website des Tiefbauamts einsehbar ist. Es listet noch eine ganze Anzahl Strassen auf, die mit Bäumen versehen werden sollen. Eine grosszügig angelegte Allee soll absehbar an der Lagerstrasse entlang der Europaallee entstehen, nachdem die Stimmbürger kürzlich den dafür nötigen Kredit gesprochen haben. Eine Baumpflanzaktion im grösseren Stil hat gerade am Sechseläutenplatz stattgefunden. Die Bäume sind Bestandteil der nunmehr grösstenteils abgeschlossenen Umgestaltung des Areals vor dem Opernhaus.

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