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Auf der Suche nach dem Graff-Modell

Thomas von Stieglitz ist Lehrer am Münchner Pestalozzigymnasium. Am Wochenende hat er das Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten besucht und seinen Schülern den Porträtmaler Anton Graff nähergebracht – auch aus eigenem Interesse.

«Nein, so etwas würde man nicht tun, wenn es einem nichts bedeuten würde.» Thomas von Stieglitz spricht von seinen stunden-, ja nächtelangen Recherchen zum Bild der Familie von Stieglitz, das der Winterthurer Maler Anton Graff um 1782 gemalt hat. Das Bild hängt im Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten. Dar­auf zu sehen ist Wilhelm Ludwig von Stieglitz. Er ist der Ururgrossvater des Ururgrossvaters von Thomas von Stieglitz. Auch auf dem Bild zu sehen sind Wilhelm Ludwigs Gattin, die vier Kinder und eine in Rot gekleidete Frau im Zen­trum des Bildes. Im Hintergrund steht ein älterer Mann. Ein Zufall mit Folgen Seit Anfang dieses Jahres lässt das Familienbild Thomas von Stieglitz nicht mehr los. Der Lehrer aus München machte einen Halt in Winterthur, um sich das Bild genau anzuschauen, und kam zufälligerweise mit Kurator Marc Fehlmann ins Gespräch. Dieser forderte ihn auf, in der Familiengeschichte nachzuforschen und Genaueres über die Personen auf dem Bild herauszufinden. Es ist die Frau im Zen­trum des Bildes, die Thomas von Stieglitz schlaflose Nächte bereitet hat. Wer ist sie? Diese Frage beschäftigt die Familie offenbar schon lange. Denn dazu gibt es verschiedene Interpretationen. Eine deutet dar­auf hin, dass es Wilhelm Ludwigs Mutter ist. Eine spätere sagt, dass es sich um die Schwester handelt. Diese ist auch so im neuen Katalog verewigt. Für Thomas von Stieglitz gingen all diese Theorien aber nicht auf. Er glaubt, dass es sich um die Schwiegermutter seines adligen Vorfahren handeln muss. Den Mann im Hintergrund, der kaum sichtbar im Türrahmen steht, hält er für deren verstorbenen Gatten. Diesen Schluss zieht er, wenn er seinen Stammbaum, die Geschichte und das Bild im Original betrachtet – «mit Kunstverstand». Auch aus Winterthur erhält von Stieglitz Unterstützung. Die Urenkelinnen der Kunstsammlerin Hedy Hahnloser, Theres Schwarz- Steiner und Beatrix Steiner Martz, sagten über den nur schemenhaft angedeuteten Herrn im Bildhintergrund: «Das ist niemals ein Diener.» Über die Frau im Zen­trum des Bildes sagt Thomas von Stieglitz: «Sie trägt ein rotes, teures, mit Nerz verziertes Kleid, sie sitzt ganz nah neben ihrer Tochter und sie schaut Wilhelm Ludwig skeptisch an. Das ist eher ein Schwiegermutter- als ein Schwesternblick.» Zudem wäre sie eine potenzielle Geldgeberin gewesen; sie könnte Anton Graff bezahlt haben. Dass Wilhelm Ludwig selber so ein Werk in Auftrag gegeben hat, ist laut Thomas von Stieglitz eher unwahrscheinlich: «Er wurde erst 1765 in den Adelsstand erhoben und hatte nicht so viel Geld.» Zwist im Hause von Stieglitz Eigentlich interessierte sich der Münchner Lehrer bisher nicht so sehr für das Graff-Bild. «Ich wusste zwar, dass es existiert.» Doch mit der Anton-Graff-Ausstellung hat sich das für die Familie von Stieglitz komplett geändert. Sie hat sich nämlich wieder gefunden – nach jahrelanger Stille. 1931, als das Bild nach Winterthur in den Besitz des Sammlers Oskar Reinhart kam, hat es die Familie entzweit. Der Cousin seines Urgrossvaters, der das Bild besass, machte das Werk zu Geld, weil er sich die adlige Lebensweise nicht mehr leisten konnte. Er verkaufte es für 31 000 Reichsmark. Die Verwandten gingen leer aus. «Mein Grossvater Fritz Otto war so sauer, dass er nie mehr ein Wort mit den anderen Familienmitgliedern wechselte», sagt Thomas von Stieglitz. Seit den Recherchen zum Graff-Bild haben die Von-Stieglitz-Familien wieder Kontakt zueinander. «Mein Cousin dritten Grades wohnt nur einen Kilometer von meiner Schule entfernt.» Man kannte sich nicht einmal. Doch jetzt ist der Ärger vergessen – rechtzeitig zum Familienfest 2015 in Leipzig, an dem das 250-Jahr-Jubiläum des Adelstitels gefeiert wird. Seit der Vernissage der grossen Anton-Graff-Ausstellung im Juni vertritt Thomas von Stieglitz seine Interpretation des Bildes vehement. «Meine Schüler sind schon überzeugt, und ich bin auch sicher, dass mein verstorbener Vater meine Theorie geglaubt hätte.» Nun muss der adlige Nachfahre noch den Kurator und die Kunstwelt davon überzeugen.

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