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Auf dünnem Eis

Berlin. Die Jury der Berlinale hat sich für eine Überraschung entschieden. Richard Linklaters hochgelobtes Generationenprojekt «Boyhood» gewinnt nur den Regiepreis. Der Goldene Bär geht an den chinesischen Film «Black Coal, Thin Ice».

Drei Filme aus China waren im Wettbewerb der Berlinale zu sehen, einer von ihnen schwang an der Preisverleihung am Samstag obenaus. Die Jury unter Vorsitz des amerikanischen Produzenten James Schamus verlieh den Goldenen Bären an «Bai Ri Yan Huo» («Black Coal, Thin Ice») von Diao Yinan. Dazu erhielt der Schauspieler Liao Fan den Silbernen Bären für den besten Darsteller. Es ist ein Triumph für das chinesische Kino – auch wenn andere Filme bei Kritik und Publikum besser ankamen, wie Richard Link­laters brillante Langzeitstudie «Boyhood» über ein Erwachsenwerden in Amerika (siehe Kasten). Aber auch mit Kohle lässt sich Gold machen – der Überraschungssieger der Berlinale hat seine Vorzüge. «Black Coal, Thin Ice» erzählt von einem grossen Verbrechen in der chinesischen Provinz. Ein Ex-Polizist geht den Spuren einer Mordserie nach und trifft auf eine Frau, die in einer Reinigung arbeitet – von ihr auch scheint das ganze Unglück auszugehen. Es zeigt sich eine Art «fatal attraction». Vieles kommt zusammen: Sex, Gier, vor allem viel Gewalt. «Manche Verbrechen wirken auf mich wie Spiegel unserer Gegenwart», hat der Regisseur zu seinem Film gesagt. Der Spiegel ist aber ein sehr dunkler. In einer Welt voller Schatten spielt der Film, der das Gebiet des Film noir nachhaltig auf das China der Gegenwart erweitert. Kälter hat man noch nie das Licht gesehen, ausgewaschen sind die Farben – «Feuerwerk am Tag» heisst übersetzt der chinesische Originaltitel. Neue Perspektiven Kino darf aber auch richtig Freude machen. Der Silberne Bär ging an Wes Andersons Film «The Grand Budapest Hotel», der die Berlinale am 6. Februar eröffnete – eine verdiente Auszeichnung für dieses Wunderstück des filmischen Erzählens. Viele Stars glänzen hier mit Kurzauftritten. Das Werk wird auch über die Tage der Berlinale hinaus leuchten. Im Dunkel sehen Eher zweifelhaft dann der Silberne Bär für «Aimer, boire et chanter» von Alain Resnais, «für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet», wie es der Alfred-Bauer-Preis verlangt. Der 91-jährige französische Regisseur geht aber einfach seinen Weg weiter, er pinselt hier eine weitere Salonkomödie auf die Leinwand. Aber war­um sollten alte Menschen keine Aussichten auf Neues mehr haben? Mit dem Silbernen Bären für beste Regie wurde dann Richard Linklater für «Boyhood» abgespeist, was definitiv zu wenig scheint. Denn der Film hätte eigentlich alle Bären verdient. Aber die gingen woanders hin. Auch wieder nach China ging der Silberne Bär für eine herausragende künstlerische Leistung, Jian Zeng bekam den Preis für die Kameraführung in «Toi Na» («Blind Massage») von Lou Ye. Gewürdigt wurde wohl der Versuch, mit Bildern aus der Welt von Menschen zu berichten, die im Dunkeln sehen können. Haru Kuroki spielt in «Chiisai Ouchi» («The Little House») des japanischen Altmeisters Yoji Yamada ein sehr anmutiges Dienstmädchen in einem bürgerlichen Haushalt in Tokio der Dreissiger- und Vierzigerjahre. Für diese in der Stille herausragende Leistung bekam die Schauspielerin einen Silbernen Bären. Fast leer ging wieder einmal das deutsche Kino aus, das doch mit gleich vier Beiträgen im Wettbewerb aufwartete. Ein Preis für das beste Drehbuch ging einzig an den Film «Kreuzweg» von Dietrich Brüggemann. Und was den ganzen Wettbewerb der Berlinale angeht: Es war ein sehr durchschnittlicher Jahrgang. Aber das nächste Jahr sehen wir weiter.

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