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Auf Erkundungstour Arcade Fire. «Reflektor», Universal Music

Von der Vorstadt in die Disco: Heute erscheint das neue Album von der kanadischen Indie-Band Arcade Fire. «Reflektor» wird dominiert von elektrischen Beats und Songs in Überlänge.

Dass das Doppelalbum «Reflektor» ein Erfolg werden wird, ist wohl anzunehmen. Die 13 neuen Songs versprechen aber auch einiges an Arbeit für die Hörerschaft. Denn leicht haben es Arcade Fire sich und ihren Fans auch diesmal nicht gemacht. Die derzeit wohl grösste Indie-Band der Welt setzte stets auf durchdachte, bisweilen ungemein komplexe Popsongs, die gleichermassen eingängig wie anspruchsvoll daherkamen. Daran hat die Gruppe um das kreative Gespann und Ehepaar Win Butler und Regine Chassagne nicht gerüttelt. Besuchte man mit dem Vorgängeralbum «The Suburbs» (2010) aber nordamerikanische Vorstädte, geht es nun ab in die Disco. «Einige Sachen auf diesem Album werden die Leute wirklich überraschen», versprach Butler bereits im September. Und das 75-minütige Mammutwerk kann das grossteils auch einlösen. Schon der im Voraus ausgekoppelte Titelsong mäandert zwischen tanzbaren Retro-Grooves, vielen elektronischen Spielereien und einem gewohnt grossen Refrain. Sogar Altmeister David Bowie darf kurz seine Stimme erheben. Mit dieser Kombination erscheint das Stück noch am ehesten in der Tradition der bisherigen Glanzleistungen. Genialer Knöpfchendreher Im Anschluss wird das vertraute Terrain sukzessive verlassen und Arcade Fire begeben sich auf Erkundungstour. Mit ein Grund für die Neuaufstellung dürfte nicht zuletzt James Murphy sein. Der ehemalige Frontman von LCD Soundsystem kann getrost als Genius der Knöpfchendreher bezeichnet werden. Neben Markus Dravs fungierte er als Produzent für «Reflektor», das insgesamt stark von einem 1980er-Vibe getragen wird. Pulsierender Funk («We Exist») trifft auf Dub-Einflüsse («Flashbulb Eyes»), bevor man in die Dreampop-Ecke abbiegt: «Awful Sound (Oh Eurydice)». Und über all dem thronen die Stimme von Butler und Chassagne, mal im Duett, mal harsch aneinandergereiht. «If that’s what’s normal now, I don’t wanna know», heisst es etwa in «Normal Person». Doch normal im Sinne von herkömmlich ist keine Sekunde von «Reflektor». Aufgeteilt auf zwei CDs klickert und klackt es, werden stampfende Beats mit schwebenden Gitarren verheiratet, dürfen melancholiegetränkte Streicher zu «Oh»-Chören anheben und schmiegen sich fragile Momente in brutzelnde Elektroflächen. Kaum ein Song, der die Fünf-Minuten-Marke nicht durchbricht. Gewaltsakt oder Grössenwahn? Schicht um Schicht tragen Arcade Fire ihre vielfältige Farbgebung auf, werden Rhythmen verschoben, Klänge ausgetauscht und verzahnen sich die einzelnen Elemente zu Soundtürmen. Diese zu erklimmen, ist immer ganz einfach, braucht es doch Zeit und Geduld. «Ich wollte nie in einer Band sein, die nicht genau jene Musik spielen kann, die sie will», erklärt Butler. Seine Band versteckt sich nicht und nimmt mit «Reflektor» die Herausforderung der Musikmedien und Fans an. Grösser, besser, vollendeter muss es werden, dar­über war man sich einig. Mit dieser «klassischen Doppel-LP, wo dich jede Seite an einen anderen Ort bringt», kann zumindest der erste Anspruch vollends eingelöst werden. Über den Rest darf man genüsslich streiten. Jene, die die kanadische Gruppe innig lieben, werden kaum enttäuscht sein. Und jene, die von Anfang an von einem überbewerteten Hype ausgingen, dürfen sich ob des Grössenwahns bestätigt fühlen. Kalt wird dieses Epos wohl niemanden lassen.

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