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Aufforstung der Erinnerung

In «Nicht schwindelfrei» variiert Jürg Schubiger (*1936) sein Lieblingsthema: den Anfang. Diesmal steht ein Mann im Mittelpunkt, der sein Gedächtnis verloren hat und es gar nicht unbedingt zurückhaben will.

Ist wirklich die Nachtschwester jeweils nackt in sein Bett geschlüpft, als er im Koma lag? Lag Paul überhaupt im Koma? Wenn ja, warum? Eine posttraumatische Belastungsstörung nach einem Einsatz als Kriegsreporter? Doch das ist Geschichte. Zu Beginn des Buchs ist Paul halbwegs von einer Amnesie genesen – das heisst: Nur die anderen nennen es «Genesung», er selber bevorzugt unter anderem den Begriff «Aufforstung»: Er restauriert sein Gedächtnis nicht, sondern pflanzt es neu an. «Die Erinnerung ist vielleicht nur ein Sonderfall des Vergessens», tröstet er sich. Dass das Leben mit Paul nicht einfach ist, merkt man einzig an den Reaktionen seiner Frau und seines kleinen Sohns.

Weil die Leser Paul in seinem Alltag über die Schultern gucken, wissen sie: Er ist viel weiter neben der Spur, als er meint. So streicht er zum Beispiel den Donnerstag aus der Woche. Leute ohne Down-Syndrom nennt er Menschen mit Up-Syndrom. Und als ihm im Tram eine Frau gefällt, spricht er sie mit «Sie machen mir Eindruck» an und «Ich werde Sie nie vergessen». Die Frau erzählt ihm später von einem japanischen Film, der sie beeindruckt hat: «Mogari no Mori». Darin verirren sich ein Senior und eine junge Pflegerin, die beide den Verlust eines geliebten Menschen betrauern, in einem Wald und finden nicht mehr hinaus. Für das ungleiche Paar wird das Dickicht zum Ort der Heilung. Das leuchtet Paul ein.

Einladung zum Selberdenken

Der Wald als behaglicher Gegenpol zu der von Konventionen beherrschten Zivilisation zieht sich als Leitmotiv durch das ganze Buch: Paul, so scheint es, versucht zwar seiner Familie zu geben, was sie möchte, will aber gleichzeitig nicht aus seinem Vergessenswald heim in seine Vergangenheit.

Der «Eichenwald» von Robert Zünd wird eines seiner Lieblingsgemälde im Kunstmuseum. Überhaupt, das Museum! Es scheint ihm viel «stabiler» als die Welt. Also lässt er sich dort als Aufsicht anstellen. Er bewegt sich in den Bildern wie andere in ihrem Zuhause, geht beispielsweise in ein gemaltes Haus hinein und wird dort von den Bewohnern wie ein Freund begrüsst. Paul kennt auch die Geschichten der Nachbarn der Bildbewohner, nicht aus der Fantasie, sondern aus der Erinnerung, wie er sagt.

Wo das alles endet, bleibt offen, wie vieles in Jürg Schubigers Buch. Das ist es auch, was Stammleser am Autor so schätzen: die Einladung zum Selberdenken. Die Kritiker und Juroren der zahlreichen Preise, die Schubiger erhalten hat, loben zudem die bis ins kleinste Detail sorgfältige Architektur seiner Werke. Wie in seinen früheren Büchern vermeint man auch in «Nicht schwindelfrei» zu erkennen, dass Schubiger mal Werbetexter und Psychoanalytiker war: Er lauscht der Sprache ihre versteckten und oft auch witzigen Möglichkeiten ab und lässt eine Figur gleichsam ohne sein Zutun sich selber zeichnen. Paul mit seinem sonnigen Gemüt ist besonders gut gelungen.

Jürg Schubiger:

Nicht schwindelfrei. Roman. Haymon-Verlag, Innsbruck 2014, 112 Seiten, Fr. 26.90 Buchpräsentation : 4. März, Buchhandlung im Volkshaus, Stauffacherstr. 60, Zürich, 19.30 Uhr

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