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Aufruf zur Störung der Totenfeier

basel. Eine Manifestation: Das Theater Basel demonstriert seine enorme musikalische Substanz, und auf der Bühne wird Benjamin Brittens «War Requiem» erst recht zur grossen Klage über den Krieg.

Zur Feier von Benjamin Brittens 100. Geburtstag hätte das Theater genug Auswahl beim immerhin spannenden und nicht überpräsenten Opernschaffen des Komponisten. Aber dem engagierten Pazifisten selber war auch das «War Requiem» das wichtigste Werk, und so mag es dies auch für uns heute sein. Der Krieg prägte sein Leben schon in der Tiefe seiner Kindheit in der von den Deutschen bombardierten englischen Hafenstadt Lowestoft. Dem Ersten Weltkrieg folgte der Zweite und diesem der Kalte, und Britten wurde zu einem der grossen Komponisten – nicht nur in diesem, sondern auch gegen diesen Weltlauf: Zur Wiedereinweihung der 1940 durch Bomben zerstörten Kathedrale von Coventry am 30. Mai 1962 schrieb er das «War Requiem».

«Wir wussten, dass bessere Männer kommen würden, und grössere Kriege» – Verse des in den letzten Kriegstagen 1918 gefallenen englischen Dichters Wilfred Owen drückten aus, was Britten angesichts der atomaren Bedrohung bewegte. Für sein Werk verband er Texte des Antikriegslyrikers mit dem Text der liturgischen Totenmesse oder vielmehr, er stellte sie einander ge­gen­über und die grosse Form damit auch in Frage. Diese Auseinandersetzung, die mit drei eigenständigen musikalischen Apparten geführt wird, ist es auch, die zunächst an eine szenische Präsentation denken lässt. Und es gibt immerhin zwei «Erzählungen», die als eigentliche szenische Handlung hervortreten: die Geschichte Abrahams, der in Owens Version das göttliche Angebot ausschlägt, statt den Sohn den Widder zu schlachten, und die Begegnung und das Gespräch mit dem getöteten Feind/Freund im Totenreich.

Aus einem Guss

Die grosse Dramaturgie des zerfallenden Glaubensgefüges, der Konfrontation kollektiv offiziöser und individueller Stimmen, der Sinnbilder der Angst, der Versehrtheit, der falschen Triumphe und des Schreckens am Rand des Verstummens – auf der Basler Bühne präsentiert sich das alles musikalisch und szenisch aus einem Guss und im grossen Bogen über die vielteilige Satzfolge des Werks – und unaufgeregt, auch wenn drastische Momente nicht ausbleiben: Regie führt ja auch der Katalane Calixto Bieito, der sein Publikum immer mal wieder mit kruden Fantasien überrumpelt hat, auch in Basel, wo er in den letzten Jahren regelmässig inszeniert hat. Künftig soll Bieitos künstlerische Handschrift das Theater Basel spartenübergreifend noch stärker prägen: Ab der Spielzeit 2013/14 ist er Artist in Residence und Mitglied der künstlerischen Leitung des Hauses. Mit dem lang anhaltenden Applaus für sein «War Requiem» hat das Theater für diese Entscheidung nun auch einen begeisterten Zuspruch des Publikums erhalten.

Die Aufführung ist aber vor allem eine fantastische Gesamtleistung des Grossaufgebots von Chor und Extrachor, Mädchen- und Knabenkantorei und des in zwei Formationen geteilten Sinfonieorchesters unter der Leitung von Gabriel Feltz. Und nicht zuletzt dreier intensiv agierender Solisten: Die Sopranistin Svetlana Ignatovich gehört mit dramatisch ausgreifendem Sopran beiden Sphären an, dem Requiem-Pathos und der Kriegsszenerie, in der sie berührend die durch (männliche) Gewalt traumatisierte Frau verkörpert, die ihr Kind zu Tode schlägt.

Einspruch

Rolf Romei und Thomas E. Bauer sind die klang- und wortmächtigen Träger von Owens Lyrik, in der Kriegs- und Todesbegeisterung denunziert und der Protest gegen die offiziöse Totenfeier laut wird. Diese stört der Tote selber, der das Leichentuch zerreisst und Einspruch erhebt – einer der wunderbaren szenischen Momente, wie sie Bieito vielfach und auch unerwartet zu bieten hat. So ist Isaaks Opferung keine blutige Szene, er empfängt den Dolch vielmehr, um ihn dann selber bedrohlich zu zücken.

Zur Opernszene wachsen sich solche Handlungsmomente nicht aus. Das Bühnenbild (Susanne Gschwender) erinnert mit Kirchenbänken, Stahlrohrgerüsten und Kirchenfensterhintergrund im stimmungsvollen Licht (Roland Edrich) konkret an Coventry, lässt aber immer auch an eine konzertante Anordnung denken. Die Musiker sind mit im Bild, und die Musik in ihrer durchaus auch plakativen Strahlkraft bleibt im Fokus. Wilfred Owens Wort, das Britten über die Partitur gesetzt hat, realisiert sich aber vor Augen und Ohren: «Mein Thema ist der Krieg und das Leid des Krieges. Die Poesie liegt im Mitleid … Alles, was ein Dichter heute tun kann, ist warnen.»

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