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Aufstand gegen Gasgewinnung

Longmont. Auf lokaler Ebene braut sich Ungemach für die Öl- und Gaskonzerne in den USA zusammen. Die Bürger wollen das umstrittene Hydrofracking einschränken.

Die kleine Agrarstadt Longmont am Fusse der Rocky Mountains stand bisher nicht im Ruf, die Heimat umweltbewegter Aktivisten zu sein. In dem Ort lebt traditionell eine konservative Landbevölkerung, die Konserven abfüllt und Truthähne verarbeitet. Dass nun ausgerechnet Longmont als erste Stadt in Colorado die Erschliessung von Methanbeständen in den Gemeindegrenzen verbietet, lässt aufhorchen.

Die Organisatoren des Referendums sind selbst überrascht, dass 60 Prozent der Einwohner Nein zum Hydrofracking sagten. Gegen den Widerstand des Bürgermeisters, des Gouverneurs und der Ener­gie­produzenten. «Ich hätte nie gedacht, dass wir eine Staatsregierung und eine riesige Industrie auf dem falschen Fuss erwischen», sagt Michael Bellmont der «New York Times», die der lokalen Rebellion in Colorado zu nationalen Schlagzeilen verhalf.

Die grosse Aufmerksamkeit ist wohlverdient: Longmont steht als Symbol für einen Trend, der droht, den national geförderten Gas- und Ölboom ins Stocken zu bringen. Dutzende Gemeinden vom Staat New York über Pennsylvania, North Carolina und Ohio bis hin nach Colorado stehen mangels ausreichender nationaler Regeln für die Industrie in den Startlöchern, eigene Vorschriften zu erlassen.

Die Ener­gie­revolution

Das seit 2008 praktizierte Hydrofracking erlaubt der Industrie, erstmals im grossen Stil Reserven zu erschliessen, die tief unter der Erdoberfläche zwischen Gesteinsformationen festsitzen. Dabei wird ein Gemisch aus Millionen Litern Wasser, Chemikalien und Sand unter Hochdruck in ein L-förmiges Bohrloch gepresst. Durch den Druck birst das Gestein, das Gas ist frei.

Die neue Technologie hat eine regelrechte Ener­gie­revolution ausgelöst, die Nordamerika bei der Methanerschliessung heute schon an Russland als dem bisher grössten Erdgasproduzenten vorbeiziehen lässt. Das ökonomische Potenzial des Hydrofracking liess eine kritische Untersuchung der Methode in den Hintergrund rücken. Stattdessen vertrauten Washington und die Gliedstaaten den Beteuerungen der Indus- trie, die keine Gefährdung sieht.

Unabhängige Experten wie Anthony Ingraffea von der renommierten Cornell-Universität sind sich da nicht so sicher. In einer viel beachteten Studie kommt der Forscher zu dem Schluss, das Fracking mehr zum Treibhauseffekt beitrage als Kohle. Auch der unabhängige Rechnungshof (GAO) warnt. Die neue Abbaumethode beinhalte ernste Risiken für Gesundheit und Umwelt, heisst es in einem kürzlich vorgelegten Bericht.

Risiken unbekannt

All das stärkt den wachsenden Widerstand der Betroffenen vor Ort, die sich fragen, war­um die Industrie die Zusammensetzung des potenziell toxischen Chemikalienmix geheim halten darf oder von den strengen Auflagen der Luft- und Wasser-Reinerhaltungs-Gesetze ausgenommen wird.

Die Gründe für den Widerstand mögen lokal verschieden sein. Gemeinsam ist die Sorge, dass es bis heute keine unabhängige Risikoabschätzung einer im grossen Stil eingesetzten Technologie gibt. Für den Umweltexperten Ingraffea ein klassischer Fall, in dem «die Gesundheit der vielen für den Wohlstand der wenigen aufs Spiel gesetzt wird».

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