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Aus dem Füllhorn der Arte povera

winterthur. Das Kunstmuseum Winterthur entdeckt die privaten Zeichnungen von Luciano Fabro (1936–2007). In einer beeindruckenden Doppelausstellung wird mit Giovanni Anselmo (*1934) ein weiterer Magier der Arte povera aus Italien präsentiert.

Niemand weiss eigentlich, weshalb am Ende der Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts Italien eine derartige Kon­zen­tra­tion von Kreativität erlebte, welche die Kunstwelt in ganz Europa bezauberte. War es eine besondere Konfiguration der Sterne oder hatten die Götter ihre Hände im Spiel, welche mit der Arte povera die letzte bedeutende Kunstrichtung in Italien, speziell in Turin, Mailand und Rom, zur Blüte brachten? – Jedenfalls ist nach der Arte povera nichts von ähnlicher Bedeutung aus dem Stiefel gezaubert worden – was nicht einmal so bedauerlich ist, solange in der Doppelschau Giovanni Anselmo/Luciano Fabro im Kunstmuseum Winterthur die suggestive Magie ihrer Objekte noch immer präsent und aktiv ist. Das Winterthurer Team um Dieter Schwarz hat in der Vergangenheit mit Ausstellungen zum Werk von Marisa und Mario Merz, aber auch von Giulio Paolini einen internationalen Ruf erworben; dank der kontinuierlichen Ankaufspolitik und Schenkungen kann die aktuelle Ausstellung mit vielen Stücken aus der eigenen Arte-povera-Sammlung glänzen, und nun überrascht Winterthur selbst Kenner mit der Premiere von rund hundert Fabro-Zeichnungen. Diese wollte der Künstler ursprünglich 2007 in Schanghai zeigen, sein plötzlicher Tod machte die Pläne jedoch zunichte. Fabro – Zeichner und Philosoph Luciano Fabro war bisher kaum als Zeichner wahrgenommen worden. Seine Blätter sind eher freundschaftliche Gesten und in der Minderzahl Werkstudien; sie bringen Verbundenheit mit dem Beschenkten zum Ausdruck. Zum engeren Freundeskreis zählte auch der 2005 verstorbene Ausstellungsmacher, Verleger und Künstler Johannes Gachnang. Aus seinem Nachlass sind Zeichnungen (und weitere Arbeiten Fabros) in den Besitz des Museums gelangt. Wie in persönlichen Briefen wendet sich Fabro mit seinen Zeichnungen an einen Adressaten, er stellt Fragen existenzieller Natur und sinniert über schicksalsbestimmte Ereignisse wie Tod und Krankheit. In den virtuos gesetzten Strichen, in den fliessenden Linien, den raschen Strichen und skripturalen Widmungen spiegelt sich Leben zwischen Pragmatik und Poesie, zwischen Tragödie und Komödie: Fabro ringt um Fassung (angesichts des Lächerlichen), begehrt auf (gegen die Macht des Todes), sucht (Harmonie und Gleichgewicht), philosophiert (über Anfang und Ende) und spottet (über political correctness und Künstlereitelkeit). Sisyphus der Potenzprotz Diesem eher intimen Ausstellungsteil geht eine kon­zen­trier­te Präsentation von Objekten Fabros voraus, dar­un­ter sein mehrdeutiges Lieblingsmotiv, der in verschiedensten Varianten zum Fabro-Label gewordene «Stiefel». Hier ziert eine Stahlblechversion Italiens die Wand. Und mitten im Raum der «Sisifos», bestehend aus dem Stück einer dunklen Säulentrommel aus Stein, dar­auf eine eingeritzte Zeichnung eines nackten Mannes und davon ein Abdruck in einer Mehlschicht auf dem Museumsboden. In «Sisifos», in Skulptur und Bild, in Mythos und Material, wird das Vokabular der Arte povera höchst kunstvoll zur anspielungsreichen Syntax verknüpft. Folgt man den listigen Werkindizien, dann dekonstruiert Fabro ironisch den Mythos des Vergeblichen und feiert Sisyphus (oder den Künstler?) als höchst potenten Kraftprotz. Anselmo teilt das Meer Auch der 1934 geborene Giovanni Anselmo beschäftigt sich gerne mit Fragen, welche um das Selbstverständnis des Künstlers kreisen, und dies nicht allein in den ziselierten Selbstporträts oder dem Minibildnis. Schon in den Sechzigerjahren deutete er in seiner legendären Stromboli-Erfahrung seine Rolle als Vermesser und Vermittler von Welt und Kosmos; so hielt er das genau datierte Initiationserlebnis (16. August 1965) in verschiedensten Zeichnungen fest – als Moment der Erleuchtung, als frühmorgens auf dem Stromboli die Sonne des Künstlers Schatten in die Unendlichkeit des Kosmos projizierte. Auf dem von ihm selbst sehr präzise inszenierten Ausstellungsparcours begegnet Anselmo dem Betrachter in den verschiedensten Kostümen. Als Magier, der das Unsichtbare sichtbar machen will und die Schwerkraft als minimales Mittel zum Aufbau skulpturaler Spannung nutzt; sodann als Herkules, der sich nicht nur gegen den Lauf der Zeit in einer Fotoserie vom Sonnenuntergang stemmt, sondern in einem Metallblock auch den Prozess des Rostens und Zerfalls bis ins Unendliche der Zeit hinaus verzögert. In geradezu altmeisterlicher Manier kommentiert er als Zeichner sein eigenes Werk, beispielsweise jene berühmte Salat- und Granitskulptur, bei der ein welkender Salat die Stabilität des Granitensembles gefährdet. Fabro zeigt sich auch als karger und feinsinniger Raumpoet. Zu einem Höhepunkt wird im engen Saal ein schmaler Pfad aus feiner brauner Erde, der seitlich auf den beiden Wänden in einen ultramarinblauen pastosen Farbstreifen übergeht. In dieser suggestiven, Raum und Zeit überwindenden Bild- und Materialpoesie hallt aus der Ferne ein biblischer Mythos, bei dem es auch um Gravitation ging. Als Moses zwischen den Wasserfluten das Rote Meer durchquerte, wurden die physikalischen Gesetze der Schwerkraft suspendiert. In der Vorstellung gelingt dies zuweilen auch Künstlern.

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