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Aus dem Leben gefallen

Eine Fahrerflucht, eine tote Prostituierte, ein Amokläufer: Drei Geschichten verbindet Jan Costin Wagner zum Krimi «Tage des letzten Schnees».

Jan Costin Wagners Kriminalromane haben einen ganz eigenen Sound. Nicht nur weil sie in melancholisch-schönen nordischen Landschaften spielen. Sondern vor allem, weil sie Menschen in den Mittelpunkt stellen, die in gewisser Weise aus dem Leben gefallen sind. Es sind Protagonisten, die von einem Moment auf den anderen mit dem Tod konfrontiert werden, daran fast zerbrechen und den Rest ihres Lebens Trauerarbeit leisten müssen.

Dies gilt ganz besonders für den jungen finnischen Kommissar Kimmo Joentaa, den Wagner-Fans bereits aus mehreren Romanen kennen. Joentaas Frau starb mit Mitte zwanzig an Krebs. Die Erinnerung an diesen frühen Verlust begleitet ihn fortan, auch wenn er versucht, ein neues Leben anzufangen.

Als ein Bekannter des Kommissars auf tragische Weise bei einem Autounfall seine Tochter verliert und er in der Sache ermittelt, werden seine Erinnerungen schmerzlich wieder wach.

Fahrerflucht

Parallel hierzu entwickelt der Autor zwei weitere Handlungsstränge, die zunächst nichts mit der Fahrerfluchtgeschichte zu tun zu haben scheinen. Doch das stimmt nicht. Denn bei Wagner geschieht nichts zufällig, alles ist wohldurchdacht und sorgfältig kon­stru­iert. So begleitet der Leser den Investmentbanker Markus Sedin mit einigen Kollegen auf eine Dienstreise ins belgische Ostende. Dort findet der Familienvater Gefallen an der jungen rumänischen Prostituierten Réka. Er unterstützt nicht nur ihre arme Familie in der Heimat, sondern holt die junge Frau sogar nach Finnland, wo er sie in einer eigenen Wohnung unterbringt. Sedin führt so lange ein perfektes Doppelleben, bis er Réka zusammen mit einem fremden Mann erschossen in ihrer Wohnung findet.

Die dritte Geschichte ist eine Art Internetprotokoll zwischen einem durchgeknallten Schüler und einer etwas älteren Frau, die sich als seine Schwester entpuppt. Der Junge plant offenbar ein Blutbad unter Kindern auf einer Insel – eine Art Amoklauf à la Anders Breivik.

All diese Menschen mit ihren unterschiedlichen Schicksalen scheint nichts miteinander zu verbinden, und doch werden sich ihre Wege auf tragische Weise kreuzen. Auch der Kommissar wird, mehr als er es sich vorstellen kann, persönlich von ihnen berührt. Doch weil Wagner diese Zusammenhänge erst auf den letzten Seiten mit einer Art Knalleffekt löst, bleibt die Spannung erhalten, selbst wenn der Leser über weite Strecken mehr weiss als der Kommissar.

Jan Costin Wagner

Tage des letzten Schnees. Galiani-Verlag, Berlin 2013, 320 S., Fr. 32.90

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