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Ausgelassene Freude am Fahren

Die jüngsten Verkaufserfolge von Jaguar kommen nicht von ungefähr. Dank tatkräftiger finanzieller Unterstützung aus Indien erinnern sich die britischen Autobauer wieder ihrer früheren Fähigkeiten. Ein vortreffliches Beispiel dafür ist der F-Type Coupé R.

Die Senioren bleiben stehen, die Jungs strecken anerkennend den Daumen nach oben und selbst Frauen jüngeren Datums wagen einen forschen Blick: Der Jaguar F-Type Coupé R sorgt auf dem Parkplatz für unglaubliches Aufsehen. Der Lenker im besten Alter bleibt deshalb nach dem unnötigen Gasstoss vor dem Abstellen des 550 PS starken V8-Kompressormotors erst einmal sitzen und beschäftigt sich mit dem Handy. Es muss ja nicht jeder sehen, wie er sich aus dem perfekt anpassbaren Sportsitz schälen muss. Eine derart attraktive Erscheinung sollte ebenso dynamischen Schönheiten vorbehalten bleiben. Zwei Voraussetzungen müssten aber auch sie erfüllen: das notwendige Rüstzeug, um die unvernünftigen Qualitäten des spektakulär geformten Coupés geniessen zu können, und den notwendigen monetären Rückhalt, um sich das Auto leisten zu können. Dabei ist der jüngste Sportwagen der bei Ford extrem vernachlässigten, unter dem schützenden Dach des indischen Tata-Konzerns rasch wieder aufblühenden Traditionsmarke fast schon ein Schnäppchen im Vergleich zu den ungefähr gleich viel Power und Hightech anbietenden Konkurrenten aus Deutschland. Das auf dem F-Type Cabriolet basierende und genauso straff abgestimmte Coupé ist in der Basisausführung schon für knapp 90?000 Franken zu haben. Die besonders reizvolle Topversion R gibt es ab 134?500 Franken. Mit einem zehnprozentigen Aufschlag sind zudem alle wünschbaren und wichtigen Optionen inbegriffen. Ob es die beeindrucken-de Carbon-Keramikbremsanlage auch braucht, ist Ermessenssache. In die preisliche Nähe zu einem Audi R8 Plus oder einem Porsche 911 Turbo kommt der Jaguar auch damit nicht. Die Finanzen sind bei solchen Kaufentscheidungen sowieso nicht der entscheidende Faktor. Wichtiger sind bei den wegen des fehlenden Platzangebots nicht alltagstauglichen Traumwagen die Leistungswerte und die Emotionen, die sie auslösen. Beim F-Type R sind sie enorm. Schon beim Starten des V8 per Knopfdruck sind sie spürbar. Das Fünf-Liter-V8-Kompressor-Triebwerk beginnt sein Tagwerk mit einem Urschrei, der einem Jaguar alle Ehre macht und die Fenster in der ganzen Nachbarschaft erzittern lässt. Da die auch manuell bedienbare Acht-Stufen-Getriebeautomatik nach dem Losfahren jedoch fleissig hochschaltet, wird der Geräuschpegel innen und aussen bald einmal ganz passabel. Das ändert sich erst wieder, wenn der V8 zu Mehrarbeit gezwungen wird. Wer die stattlichen 1,7 Tonnen Eigengewicht in 4,2 Sekunden aus dem Stand auf 100 Stundenkilometer beschleunigen will, muss mit einem Verbrauch von mehr als zwölf Litern Benzin für 100 Kilometer und einem ohrenbetäubenden Sound aus den vier wohlgeformten, verchromten Auspuffrohren leben. Die meisten nehmen auch das wohlwollend in Kauf. Einige wenige, die anderen Genüssen des Lebens ebenso wenig abgewinnen können, zeigen sich empört. So brachial der legitime Nachfolger des legendären E-Type loslegt, so ungestüm geht er auf die Kurvenjagd. Traktionskontrolle und modernste Assistenzsysteme können es nicht verhindern: Ein Gasstoss zu viel reicht, um das allein angetriebene Heck ausbrechen zu lassen. Dass es spielend leicht wieder eingefangen werden kann, bringt den Lenker zur Überzeugung, jeden Jaguar bändigen zu können. Zu weiteren Experimenten wie dem Ausschalten des ESP sollte er sich vor allem auf nasser Fahrbahn trotzdem nicht verleiten lassen. Ausgelassene Freude am Fahren ergibt sich im tollen Ambiente des knapp bemessenen, aber nobel ausgestatteten Innenraums ganz von selbst. Und wem die geballte Power auf die Hinterachse zu viel ist: Jaguar hat unlängst eine Allradvariante des F-Type angekündigt, die im Spätsommer 2015 erwartet wird. Getrübt wird die ausgelassene Fahrfreude höchstens beim Einparken, was sich wegen der schwer abschätzbaren Aussenmasse und der schonungsbedürftigen Felgen schwierig gestaltet. Dass die übereifrige Ordnungshüterin gleich ihren Block zückt, weil die Räder einige Zentimeter über die blaue Linie hinausragen, müsste allerdings nicht sein. Es ist mit diesem Auto schon schwierig genug, ohne Strafzettel wegen Tempoüberschreitungen über die Runden zu kommen. Der Jaguar F-Type Coupé R fordert, aber überfordert den Fahrer nicht. Werden dem rasch einlenkenden, unerhört agilen Briten richtig die Sporen gegeben, fühlt er sich ebenso wohl wie sein Namensgeber in der freien Wildbahn.

Jaguar F-Type Coupé R + Wunderbar unvernünftig + Betörend attraktiv + Verlockend preiswert + Unverschämt stimmgewaltig – Eingeschränkt alltagstauglich – Unübersichtliche Abmessungen

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