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Ausgewählte Wirklichkeit

Mit grossem Erfolg ist die neue Ausstellung im Museum zu Allerheiligen gestartet. «Albert Anker und der Realismus in der Schweiz» überrascht denn auch mit ungewohnten, frischen Blicken.

Ganz schön mutig, was dieses doch eher kleine Museum da gewagt hat: Keine drei Jahre nach der Ausstellung, mit der das Kunstmuseum Bern den grossen Schweizer Künstler zu seinem 100. Todestag ehrte, lädt es ein zu einer umfassenden Begegnung mit Albert Anker und stellt ihn bewusst in den Kontext seiner Zeit, in die Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts. Denn im Hier und Jetzt war Albert Anker zu Hause, und aus dem Hier und Jetzt, das so viele überzeitliche oder zeitlose Momente mit sich bringt, schöpfte er seine Bilder. Anker war kein Visionär und kein Utopist, aber er war ein Menschenkenner und aktiver Bürger im jungen Bundesstaat, und er war auch als Künstler ein äusserst versöhnlicher Mensch. Keine Anklage, kein Blossstellen, sondern Zeigen. Zeigen auf ansprechende, harmonische Art, sodass es jeder, der sehen konnte (sehen kann), sieht. Anker «strich das Positive als Beispiel einer gültigen Lebensweise hervor», schrieb Matthias Frehner im Katalog zur Berner Ausstellung. Und in der Schaffhauser Schau kann man einmal lesen: «Er verstand die Malerei als Bildungsauftrag, er setzte auf das gute Vorbild.» Das tat er beispielhaft. Erhellende Fülle Der Mut hat sich gelohnt. Entstanden ist eine facettenreiche, informative, in Erscheinung und Inhalt attraktive Schau, die zudem auf kluge Art didaktisch ist. Peter Jezler, der nicht nur die Schau kuratiert, sondern als Museumsdirektor einem Mehrspartenhaus vorsteht, hat aus der Not des kleineren Hauses eine Tugend gemacht und bezieht das kunst-, kultur- und sozialpolitische beziehungsweise -geschichtliche Umfeld mit ein. So werden verschiedene Erzählstränge berücksichtigt, die Anker in mehrfacher Hinsicht als exemplarischen Künstler seiner Zeit präsentieren. Es ist eine grosse Ausstellung geworden, die ihr Thema in zwölf thematisch geordneten Kabinetten – vier davon sind reine Anker-Säle – und anhand einer Fülle von rund 270 Exponaten ausbreitet. Natürlich steht dabei die Kunst im Vordergrund, doch wird den wirklichen Dingen und Tatsachen viel Raum gegeben. Vor allem das Albert-Anker-Haus in Ins, wo der Künstler geboren wurde und später mit seiner Familie lebte, hat mit zahlreichen Leihgaben dazu beigetragen: mit Dokumenten und Gegenständen aus Albert Ankers Besitz, ganz profanen und solchen, die im Werk des Malers ihren Auftritt haben, als Requisiten oder, wie in so manchem Stillleben, auch als Hauptakteure. Das ist alles andere als banal, das ist charakteristisch und gehört zu Ankers Glaubwürdigkeit wie zu seinem selektiven Realismus. Und immer ist Erkennbarkeit in Ankers Bildern. Die Ausstellung führt an Lebensstationen des Berner Künstlers, der zusammen mit seiner Familie mehr als 30 Winterhalbjahre in Paris verbrachte, die Sommer aber in der Schweiz, und der so auch zwei Märkte bediente: einen grossstädtischen und einen schweizerischen. Sie zeigt, mit welchen Gemälden Anker am jährlichen Pariser Salon teilnahm; zeigt, wie der Salon funktionierte, was für eine immense Maschinerie das war, angenehm für die Akzeptierten, meist bitter für die Refüsierten – Anker gehörte zu den Ersteren und von 1866 an, als er für sein Bildnis zweier Mädchen («Schreibunterricht II») eine Goldmedaille erhielt, zu den Arrivierten. 1878 gar wird Anker zum Ritter der Ehrenlegion ernannt, nicht wegen seines Salonerfolgs, sondern weil er die Schweizer Abteilung der Pariser Weltausstellung mitorganisiert hat. Entsprechende Exponate erhellen auch dies. Noch ein Kinderbildnis Zuvor aber haben die Besucher, die am Ende bis in die Ismen des 20. Jahrhunderts geführt werden, sich mit dem «Kampf der Schulen» vertraut gemacht (vor allem zwischen Idealismus und Realismus) und im grossartigen dritten Saal mit seiner klassischen Salonhängung die Hierarchie der Gemäldegattungen erfahren können: Dem Stillleben kam darin der niedrigste Platz zu, der Historienmalerei der höchste. Tiermalerei, die irgendwo in der Mitte stand, ist hier mit Rosa Bonheur vertreten und mit Rudolf Koller, der von ihr lernte. Und überall ist in zum Teil ausführlichen Legenden Interessantes zu erfahren. In diesem Prachtsaal ist auch jenes Bild zu finden, das zum Anlass für die Schaffhauser Schau wurde: das «Mädchen mit Milchkanne und Korb» (1894), dessen Kopf, vom Dunkel von Haus und Baum hinterfangen, wie eine Erscheinung erstrahlt. Das Bild stammt aus einer Privatsammlung und ist, wie Peter Jezler betont, noch nie öffentlich in einer Ausstellung gezeigt worden. Nun bekommt es als Dauerleihgabe einen Platz in der Sammlung des Museums, das bereits vier Anker-Gemälde besitzt und eine Reihe grafischer Werke (Zeichnungen, Radierungen, Heliogravüren): als eines von Ankers wunderbaren Por­träts, deren Innigkeit ihnen jenen berührenden Ernst verleiht, der sie weit über reine Genremalerei hinaushebt.

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