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Ausländer testen für uns Medikamente

Sie sind jung, gesund und brauchen das Geld: Viele Studenten aus dem Ausland stellen sich als Probanden für die Pharma-Industrie zur Verfügung – insbesondere im Tessin. Ob sie parallel noch andere Medikamente testen, kann aber derzeit kaum überprüft werden.

Sich im Kanton Tessin als menschliches Versuchskaninchen anzubieten, ist insbesondere für norditalienische Studenten ein lukrativer Nebenverdienst. Zu hoch ist die «Gage», um sich über allfällige Nebenwirkungen den Kopf zu zerbrechen: Rund 1500 Franken (circa 1200 Euro) Aufwandentschädigung in einer Woche – das entspricht in Italien einem guten Monatslohn. «Wieso ich das tue? Ganz einfach: wegen des Geldes», sagt ein Student, der sich Alfredo nennt, in einem Beitrag der Uni-Zeitschrift «Acido Politico» der Fakultät für Politikwissenschaften an der Universität Mailand. Alfredo ist allerdings längst nicht der einzige, der diese unkonventionelle Geldquelle entdeckt hat. «Ich kenne mindestens fünf weitere Personen in meiner Fakultät, die die Tests machen.» Einer davon, hat ihn auf die Tests aufmerksam gemacht.

«Lohn»: 500 bis 3000 Franken

Über 400 Probanden boten im Tessin im vergangenen Jahr ihren Körper für medizinische Tests in einer der vielen grenznahen Privatkliniken an. «15 Prozent der Probanden stammen aus dem Tessin und dem italienischsprachigen Teil Graubündens, 85 Prozent kommen aus Norditalien», sagt Giovan Maria Zanini, Kantonsapotheker und Präsident der Ethikkommission des Kantons Tessin. Man habe jedoch eine klare Auflage gemacht: «Es ist nur gestattet, Probanden aus Italien zu rekrutieren, die innerhalb eines Radius von 50 Kilometer vom Prüfzentrum entfernt wohnhaft sind.» Das sei vor allem deshalb wichtig, weil ein Arzt beim plötzlichen Auftreten eines medizinischen Problems die Möglichkeit haben müsse, rasch intervenieren zu können. Die Bandbreite der Entschädigungen bewege sich je nach Dauer der Studie zwischen 500 bis maximal 3000 Franken, erklärt Zanini. Die Beträge würden jedoch vom «Markt» festgelegt, und seien demzufolge «auf internationaler Ebene sehr ähnlich». Zwar dürfen auch in Italien Wirkstoffe und Medikamente nur dann auf den Markt gebracht werden, wenn sie vorgängig an gesunden Menschen auf ihre Verträglichkeit hin untersucht worden sind. Allerdings würden in Italien deutlich weniger Tests gemacht, sagt Zanini. Das liege in ester Linie an den bürokratischen Hürden, mit denen sich die Versuchskliniken und Universitätsinstitute in Italien konfrontiert sähen. Gerade deshalb hätten mittlerweile viele italienische Firmen ihren Sitz ins Tessin verlegt.

Drei Studien maximal

Um jedoch zu verhindern, dass ausländische Probanden in professioneller Absicht in die Sonnenstube pilgern, führte man im Tessin im Jahr 2000 ein sogenanntes Probandenregister ein, in dem jeder einzelne Proband mit Namen, Adresse und Einsatzort aufgeführt ist. Seit dieser Zeit darf sich ein Proband innerhalb eines Jahres nur an maximal drei Studien beteiligen. Damit hat man auch die Gewähr, dass ein Studienteilnehmer parallel nicht noch an anderen klinischen Versuchen teilnimmt – zumindest nicht innerhalb des Kantons Tessin. Ein nationaler oder internationaler Probanden-Tourismus kann damit also nicht verhindert werden. Doch das Tessin steht in Sachen Register ohnehin alleine da: Denn die Ethikkommissionen der andern Kantone erachten es derzeit nicht als opportun ein solches Probanden-Register zu führen. «Um aber wirklich zu verhindern, dass Ausländer oder Schweizer gleichzeitig an verschiedenen Tests teilnehmen und somit ein Ergebnis vielleicht verfälschen, wäre es vonnöten, wenn es ein internationales oder zumindest ein nationales Probandenregister geben würde», sagt der frühere Basler FDP-Grossrat und Arzt Rolf Stürm. Schon vor Jahren hatte er sich im Rahmen der Vernehmlassung zur Verfassungsbestimmung über die Forschung am Menschen für ein entsprechendes Register stark gemacht. Allerdings ohne Erfolg. «Der Aufwand eines Probandenregisters, das sämtliche Datenschutzaspekte zu beachten hätte, erscheint unverhältnismässig gegenüber dem Risiko, das mit einer zu häufigen oder gleichzeitigen Versuchsteilnahme verbunden wäre», antwortete ihm damals der Bund. Zudem machte er darauf aufmerksam, dass derzeit nur Frankreich ein nationales Probandenregister führe. Bis heute hat sich an dieser Ausgangslage nichts geändert.

Kantone sollen handeln

Doch auch einzelne Bundesparlamentarier sehen inzwischen Handlungsbedarf, ohne allerdings selber einen Vorstoss einreichen zu wollen. «Denn es ist aus meiner Sicht letztlich Sache der Kantone hier Nägel mit Köpfen zu machen», sagt CVP-Ständerat Urs Schwaller, Mitglied der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit. «Ich empfehle den Kantonen deshalb bei den Fragen zur Registerpflicht koordiniert vorzugehen – und zwar in Zusammenarbeit mit den Kliniken und Spitälern.»

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