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Autofreie Altstadt – auf dem Papier

Die Winterthurer Altstadt ist als eine von wenigen in der Schweiz ganz «autofrei». Jeden Tag fahren aber unzählige Autos in die Fussgängerzone. Man mache zu viele Ausnahmen, sagt ein Kritiker.

Gestern Morgen, 10 Uhr. Der Neumarkt, eigentlich autofrei, sieht aus wie ein Parkplatz. Neun Autos und Kleinlaster sind nebeneinander abgestellt, ein grosser Last­wagen ist quer dazu parkiert. Am Graben, eigentlich Fussgängerzone, kreuzen zwei Autos, sodass eines unter die Platanen ausweichen muss. In der Marktgasse, ebenfalls autofrei, kanalisieren neun Kleinlaster den Strom der Fussgänger. Insgesamt sind auf einem kurzen Rundgang durch die Altstadt 47 Laster sowie 35 Pkw zu sehen – 82 Motorfahrzeuge in der autofreien Altstadt. Von den Autos, die fahren, sind alle zu schnell unterwegs; erlaubt ist nur Schritttempo. Der rege Verkehr ist Paul Lehmann ein Dorn im Auge. Der frühere SP-Gemeinde­rat und Funktionär im Bewohnerverein Altstadt hat lange für ein autofreies Zen­trum gekämpft. Heute sagt er: «Von einer Fussgängerzone kann man eigentlich nicht sprechen. Es hat oft so viele Autos, dass man das Gefühl bekommt, es sei erlaubt, in die Altstadt zu fahren. Das führt dann dazu, dass noch mehr Leute hineinfahren.» Warenumschlag zeitlich begrenzen Lehmann findet, man stelle zu viele Jahreskarten aus, zum Beispiel für Handwerker und Putzfirmen. Diese würden dazu einladen, auch ohne triftigen Grund in die Altstadt zu fahren. Zudem habe die Polizei ein Vollzugsproblem, weil der Güter­umschlag jedem gestattet ist. «Ein Polizist muss einen Auto­fahrer lange beobachten, um festzustellen, ob er wirklich Waren liefert oder ob er einen Kaffee trinken geht. Das ist fast nicht praktikabel.» Bei der Stadtpolizei bestätigt man, dass die Kontrolle in so einem Fall aufwendig ist. Für den Nachweis eines Verstosses müssen die Polizisten festhalten, wie lange ein Auto abgestellt war, ohne dass etwas ein- oder aus­­geladen wurde. Man führe aber regel­mässige Kontrollen durch, sagt Sprecher Peter Gull. «Fehlbare Fahrer werden gebüsst.» Von den besagten Jahres­karten seien für das laufende Jahr 44 Stück ausgestellt worden. Kritiker Lehmann fordert, den Waren­umschlag in der ganzen Altstadt zeitlich einzuschränken oder das Zen­trum mit Schranken oder Pollern zu sichern, damit Unberechtigte nicht hineinfahren können. Bei anderen Fussgänger­zonen sei das so üblich. Viele berechtigte Fahrten Ein grosser Teil der Fahrten in die Altstadt scheint indessen berechtigt. In den Gassen sind viele Lieferanten zu sehen, auch Pöstler und Taxifahrer – sie alle haben Zufahrt. Ein allgemeines Fahrverbot gilt lediglich von 11 bis 18.30 Uhr in der Marktgasse, am Untertor und in der Münzgasse. Nicht alle Autofahrer bedenken allerdings, dass die Fussgänger immer Vortritt haben. Zudem ist, wie schon erwähnt, die Geschwindigkeit in der gesamten Altstadt auf Schritttempo begrenzt, was wenig beachtet wird. Hier liege das wahre Problem, findet der Geschäftsführer des VCS Winterthur, Kurt Egli. «Mehr als die Autos stören die Fahrer, die zu wenig Rücksicht auf die Fussgänger nehmen.» Autos sind ein heisses Politthema. Ent­sprechend zugeknöpft gibt sich die Stadtregierung. Umweltvorsteherin Barbara Günthard (FDP) äussert sich nicht und Departementssekretär Mark Bona bleibt vage. Aus seinen Äusserungen lässt sich aber schliessen, dass man die aktuelle Regelung bei der Stadt für unproblematisch hält. Polizei­sprecher Gull verweist darauf, dass Baustellen wie am Neumarkt «natur­gemäss» Handwerkerverkehr verursachen würden. «Und wenn die Geschäfte beliefert werden, versteht es sich von selbst, dass sich mehr Fahr­zeuge in der Altstadt befinden.»

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