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Ballade vom glücklosen Barden

«Inside Llewyn Davis» beleuchtet einige Tage aus dem Leben eines erfolglosen Folksängers. Ethan und Joel Coen präsentieren eine köstliche Hommage an die US-Folkmusik der frühen 1960er-Jahre.

1961, Greenwich Village, NY, kurz vor/nach Mitternacht. Auf der Bühne des Gaslight Café beendet ein gewisser Llewyn Davis seinen Auftritt. Bloss ein paar müde Klatscher erhält er für seine Songs. Und das muss man bei einer Besprechung zu diesem Film, der da weit auswälzend von musikalischem Scheitern berichtet, ganz am Anfang erwähnen: So wie sie von T Bone Burnett für «Inside Llewyn Davis» arrangiert und von den Schauspielern während des Drehs selber live eingesungen wurden, klingen diese Lieder sensationell. Überhaupt ist dieser neue Film von Ethan und Joel Coen, der die Songs, selbst wenn sie über drei, im Kino sich ewig anfühlende Filmminuten dauern, immer ganz durchspielen lässt, im Gegenzug aber auf jede Hintergrundmusik verzichtet, musikalisch ein Glanzstück: eben eine Hommage an diese kurze, als Folkrevival bezeichnete Periode, welche die Musikszene in Greenwich Village, kurz bevor Bob Dylan sie veränderte, nochmals aufleben liess. Llewyn Davis aber ist, obwohl er, von Oscar Isaac gespielt, mit samtenen Braunaugen und dichtem Dreitagebart durchaus apart aussieht, obwohl er eine angenehme Singstimme hat und in die Saiten seiner Gitarre zu greifen versteht, seltsam erfolglos. Ein Pechvogel irgendwie. Oder vielleicht sagt man besser: ein Loser, ein Verlierer, der vieles mit anderen Coen-Figuren gemein hat, Scheitern an Schicksal und Charakter. Tod und Trauer Als Schicksal ist zu bezeichnen, dass Llewyns bester Freund und Partner sich vor einigen Monaten von der George-Washington-Bridge stürzte. Llewyn hat daraufhin sein erstes eigenes Soloalbum – eben «Inside Llewyn Davis» – eingespielt: einen Strauss tiefmelancholischer (bekannter) Balladen mit sprechenden Titeln – «Hang Me, Oh Hang Me», «Fare Thee Well», «Green, Green Rocky Road» –, die endlos von Tod, Tristesse, Abschied und Einsamkeit erzählen. Doch so gefühlvoll Llewyn singt, der Funke springt nicht oder nur selten aufs Publikum über, und sein Album bleibt unverkauft in den Regalen liegen. Irgendwann, schon ziemlich spät im Film, reist Llewyn nach Chicago, um dem berühmten Musikproduzenten Bud Grossman (F. Murray Abraham) im legendären Club «Gate of Horn» vorzuspielen. «Death of Queen Jane» singt er, inbrünstig und so, dass einem im Kinosessel beinahe die Tränen in die Augen schiessen. Grossman aber meint: «I don’t see any money in this» und rät Llewyn, sich einen Partner zuzulegen. Weil vielleicht im Duo seine Stimme … Schnorrer ohne Takt Es ist tiefe coensche Ironie, die aus dieser Szene spricht, und es ist typisch für die Coens, dass sie ihren scheiternden Helden nicht als mitleiderregendes Würmchen, sondern als ein – oft gar ein bisschen unsympathisch wirkendes – von weiss der Teufel welchen unbekannten Kräften angetriebenes Steh-auf-Männchen erscheinen lassen. Da singt dieser Llewyn also und drückt seine ganzen Gefühle in die Lieder. Im Leben aber ist er ein schamloser Schnorrer, der keine eigene Bleibe hat, sondern sich auf den Sofas immer wieder anderer Musikerkollegen und Freunden einrichtet und sich manchmal, was er besser bleiben liesse, auch noch an deren Frauen vergreift. Sodass er, obwohl völlig abgebrannt, ab und zu auch mal eine Abtreibung berappen muss. Dies selbstverständlich nicht, ohne dass er sich davor von der wunderbar ausser sich geratenden Jean (Carey Mulligan) in einer köstlichen Schimpfszene allerlei Abartig-Apartes über seinen Allerwertesten an den Kopf werfen lassen muss. Und nicht ohne beim Doktor dann zu erfahren, dass Diane, der er vor einem Jahr einen ebensolchen Eingriff bezahlte, das Kind dann doch behalten hat. Wie gesagt: Ein bisschen hat Llewyn seine Si­tua­tion sich selber zu verdanken, denn im Zwischenmenschlichen verhält er sich tatsächlich seltsam ungeschickt. Verlacht andere Musiker, verweigert bei einem Dinner bei Bekannten schnöde eine kurze Gesangseinlage mit dem Verweis, dass Singen sein Beruf sei und er damit Geld verdiene. Und dann gibt es in diesem Film, der fast so winterlich verschneit und kalt ist wie «Fargo» und im Musikalischen unvermittelt auf «Oh Brother, Where Art Thou?» verweist, noch diese rote Katze, die ein Kater ist. Llewyn schliesst sich zusammen mit ihr aus der Wohnung seiner ersten Gastgeber aus und schleppt sie dann auf seinen Armen und in der Subway durch halb New York in die Wohnung seiner Freunde Jean und Jim (Justin Timberlake), die später mit ihm auftreten. Verkatert Das Katzentier taucht in der Folge, so wie die Sidekick-Tierchen in den Walt-Disney-Trickfilmen, immer dann auf, wenn Llewyn einen neuen Schubs braucht. Auch das kann man ironisch verstehen. Oder aber dahingehend deuten, dass die Coen Bros auf den Kater gekommen sind und ihr Prot­agonist, der hoch begabt seiner Zeit einfach ein bisschen voraus und deswegen grausam einsam ist, Folk singt, aber den Blues hat. Der Film kommt am Donnerstag in die Kinos.

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