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Bankenkritiker wird Kirchenoberhaupt

LONDON. Die Anglikanische Kirche erhält ein schillerndes neues Oberhaupt. Der 56-jährige Justin Welby hat seine Karriere als Ölmanager begonnen.

Der neue Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, ist ein ungewöhnlicher Kandidat für die begehrte Position des Oberhauptes der Anglikanischen Kirche. Doch zu Zeiten, in der die Kirche bei Themen wie weiblichen Bischöfen und gleichgeschlechtlichen Ehen gespalten ist, scheint ein Pragmatiker die einzige Lösung. Welby ist Absolvent der renommierten Privatschule Eton. Er studierte Recht an der Universität Cambridge und ar­bei­te­te zunächst als Manager bei Ölgesellschaften, zuerst in Nigeria, dann in der Nordsee. Erst im Alter von 33 Jahren sattelte er um und studierte Theologie. Mit 37 Jahren wurde er Priester. Und vor einem Jahr wurde er Bischof von Durham. Der 56-Jährige dürfte eine gute Portion Weltlichkeit in die Anglikanische Kirche bringen.

Seine Hauptaufgabe wird es sein, die verunsicherte und zerrissene Anglikanische Kirche wieder zu einen. Die Kirche hat sich über den Umgang mit Frauen und Homosexuellen zerstritten. Dabei verpasste es die Kirche, sich öffentlich mit Belangen wie Ungerechtigkeit, Bankerboni und der Finanzkrise aus­einanderzusetzen. Da Welby schon vor der Wirtschaftskrise Banken dafür kritisierte, dass sie keinen gesellschaftlichen Nutzen hätten, scheint er der rechte Mann für diesen Job.

Ganz will Welby sein weltliches Leben nicht aufgeben. Als Bischof ist er Mitglied des britischen Oberhauses. Welby will weiterhin ein aktives Mitglied in dessen Bankenkommission bleiben, das sich unter anderem mit der Moral des Bankenwesens auseinandersetzt. Die Kommission war in der Folge des Libor-Skandals eingesetzt worden, bei dem Banken einen der wichtigsten Leitzinsen der globalen Finanzwirtschaft manipuliert haben. Gemäss seinem Kollegen Lord McFall bringt Welby dabei nicht nur eine ethische Per­spektive, sondern auch ein detailliertes Verständnis des Finanzsektors mit. Die Verbindung dieser beiden Themen ist nichts Neues für Welby. Schon in den frühen 90er-Jahren wandte er die biblische Schrift auf die Wirtschaft an und schrieb seine Doktorarbeit über die Frage «Können Firmen sündigen?».

Gegen Homosexuellen-Ehe

Als Erzbischof von Canterbury führt Welby die Anglikanische Kirche, mit weltweit 77 Millionen Anhängern eine der grössten überhaupt. Welby will als eine seiner ersten Amtshandlungen die erste Frau in den Bischofsstand berufen. Damit riskiert Welby, den Zwiespalt zwischen den liberalen und konservativen Lagern in der Kirche zu vertiefen. Während die Anglikaner in den USA eine liberale und integrierte Kirche wollen, lehnen Traditionalisten weibliche Bischöfe ab. Den schnell wachsenden Gemeinden in Afrika wiederum sind homosexuelle Priester ein Dorn im Auge. Doch die Kirche hofft, dass Bischof Welby seine Erfahrungen beim Lösen von Konflikten, die er als Vermittler in Nigeria gesammelt hat, auch auf die Kirche anwenden kann. Seine Überzeugungen scheinen dabei von Vorteil: Welby ist gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, aber für die Ordination weiblicher Bischöfe – ein Kompromiss, auf den sich die zerstrittenen Fronten einigen könnten.

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