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Bauer schnappt Banker Politmandat weg

SVP-Nationalrat Ernst Schibli wurde 2011 abgewählt. Trotzdem tritt er nun – nach langem Zögern – die Nachfolge von Hans Kaufmann an. Und steht damit einem ambitionierten Banker vor der Sonne.

Das SVP-Maskottchen, Geissbock Zottel, kannte jedes Kind. Das kann man von seinem Besitzer nicht sagen. Der 61-jährige Gemüsebauer Ernst Schibli aus Otelfingen machte in seinen zehn Jahren als SVP-Nationalrat nicht gross von sich reden. Bei den Wahlen im Herbst 2011 rutschte er einen Listenplatz zurück und wurde abgewählt – wie Ulrich Schlüer. Dafür stiegen andere wie Raketen auf. So der Hauseigentümervertreter Hans Egloff, der als Neuer den Sprung ins Parlament schaffte. Noch grössere Sprünge nach vorne machten Gregor Rutz und Banker Thomas Matter. Zur Wahl reichte es beiden nicht ganz. Als aber der gescheiterte Bundesratskandidat Bruno Zuppiger 2012 abtrat, konnte Rutz nachrutschen. Matter hingegen wartet noch immer auf die Gunst der Stunde – auf der Ersatzbank hinter Schibli. Finanzwissen fehlt Als der 65-jährige Bankenspezialist Hans Kaufmann kürzlich seinen Rücktritt ankündigte, schien Matters Stunde gekommen. Dem 48-Jährigen stand zwar Schibli im Weg. Aber in der Fraktion mehrten sich die Stimmen, die fanden, es wäre gescheiter, wenn Bankenkenner Kaufmann durch einen Finanzspezialisten statt durch einen Bauern ersetzt würde. Kaufmann sagte das offen und steht noch heute dazu: «Mir wäre Matter lieber gewesen», sagt er auf Anfrage. «Ich glaube nicht, dass Schibli sich und seiner Partei mit seinem Entscheid einen Gefallen tut.» Fraglos ist, dass Schibli an der Reihe ist. Kaufmann pocht aber auf einen Generationenwechsel. Zudem fehle in der Fraktion das Banken- und Finanzwissen, wenn jetzt ein Gemüsebauer nachrücke. Kaufmann glaubt nicht, dass Schibli Wunschkandidat der Bauern selber ist. Hans Frei, Präsident des Zürcher Bauernverbandes, 2011 selber glückloser Nationalratskandidat, will das so nicht bestätigen. Er sagt nur: «Der Bauernverband ist interessiert, dass bei den nächsten Wahlen die jungen bäuerlichen Vertreter gut auf der Liste platziert sind.» Das Prädikat jung kann der Zottel-Besitzer allerdings nicht für sich in Anspruch nehmen. Schibli nennt drei Motive für sein Nachrücken: Erstens entspreche es dem Wählerwillen, weil ihn das Volk vor Matter platziert habe (171 Stimmen Differenz). Zweitens könne er in Bern alle wichtigen SVP-Themen einbringen. Drittens verfüge er über grosse politische Erfahrung. Tatsächlich absolvierte Schibli die politische Ochsentour, war 28 Jahre Gemeindepräsident (bis 2010), sass 11 Jahre im Kantonsrat, wo er die Fraktion präsidierte. 2001 rutsche er für den Autoimporteur Emil Frey in den Nationalrat nach. Gregor Rutz, Vizepräsident der Zürcher Kantonalpartei, geschliffener junger Jurist, verkörpert einen ganz anderen SVP-Politikertypus als Schibli. Er hütet sich aber, etwas Negatives über Schibli zu sagen. Doch, er freue sich, dass wieder ein Bauer nach Bern komme, denn mit Max Binder habe die Zürcher SVP-Delegation nur noch einen Vertreter. Binder gehört zusammen mit Hans Fehr und Toni Bortoluzzi zum Trio der ältesten Zürcher SVP-Nationalräte mit Jahrgang 1947. Älter ist nur noch der 74-jährige Vordenker Christoph Blocher. Er war es, der die jungen Stürmer und Dränger zurückpfiff, als sie den alten Schlachtrössern zu verstehen gaben, ihre Zeit sei abgelaufen. Auch den unspektakulären Schibli nahm Blocher in Schutz. Die Autorität scheint zu wirken. Die Jungen stellen die Altersfrage nicht mehr so forsch. Rutz sagt sogar: «Es kommt nicht auf das Alter an, sondern auf den richtigen Mix und was die Leute konkret machen.» Geduld bis zum Wahltermin Ähnlich tönt es bei Matter, dem Schibli vor der Sonne steht. Der Banken-Unternehmer mit einem geschätzten Vermögen von 100 bis 200 Millionen («Bilanz»), der in Meilen eine grosse Villa besitzt, gibt sich mit Blick auf die Wahlen 2015 geduldig. «Ich hoffe, dass ich dann nicht mehr vom hintersten Drittel der Liste, sondern vom vordersten starten kann», sagt er auf Anfrage. Gestartet war er 2011 auf Platz 25, gelandet nach aufwendigem Wahlkampf auf Platz 14 hinter Schibli. «Ich wäre überrascht gewesen, wenn Herr Schibli Nein gesagt hätte.» Matter stellt in Abrede, sich Hoffnungen aufs Nachrücken gemacht zu haben. Dabei hätte er Anlass dazu gehabt, weil Schibli so lange zögerte. Matters Chancen für 2015 sind intakt. Innerhalb der Partei macht er sich als Ämtchenträger (Kassier der Kantonalpartei) nützlich. Und die zur Wahl nötige Bekanntheit verschafft er sich unter anderem mit Arena-Auftritten, wo man ihn als Banken-Insider gern zu Wort kommen lässt. Gut möglich also, dass es Quereinsteiger Matter 2015 ins nationale Parlament schafft. Sorgen muss sich hingegen Schibli machen, ob der dort auch bleiben kann. Dass er die Wiederwahl 2015 schafft, ist unsicher. Wie vor ihm Ulrich Schlüer könnte ihm die Schmach einer zweiten Abwahl blühen, sollte ihn die Partei nächstes Jahr auf der Liste ungünstig platzieren.

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