Stammheim

Bau-Innovation aus dem Mittelalter

Die Holzverbindungen an alten Häusern zeigen ein Handwerk, von dem schon vieles vergessen ist, erzählt der Autor eines Sachbuchs über Fachwerkhäuser.

Holzverbindungen am Girsbergerhaus in Unterstammheim.

Holzverbindungen am Girsbergerhaus in Unterstammheim. Bild: Johanna Bossard

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Ein Fachwerkhaus ist alles, was man an einem modernen Haus nicht will: Undicht, schlecht isoliert und die schief und knorrigen Wände bringen jedes seriöse Senkblei zum Weinen.

Aber wie die verlatschten Lieblingsturnschuhe von früher schöpfen Fachwerkhäuser den Charme aus ihrer Geschichte. Manchmal vergisst man darüber, wie innovativ diese Häuser eigentlich waren. Oder in einer speziellen Form noch immer sind.

Walter Weiss aus Stammheim beschäftigt sich seit über dreissig Jahren mit Fachwerkhäusern und ist der Verführung längst hoffnungslos verfallen. Er hat als freier Forscher jahrzehntelang zum Thema recherchiert und veröffentlicht nun die überarbeitete zweite Auflage seines Buches über Fachwerkhäuser beim deutschen Frauenhofer-Institut.

Eigentlich wollte Weiss Zimmermann werden. Aus gesundheitlichen Gründen wurde daraus nichts. Die Faszination für Holzbautechniken blieb. In den Achtzigerjahren zog er selber in ein Fachwerkhaus. Es sei ein behagliches Wohnen, ein Wohnen, das sich gesund anfühlt, sagt Weiss. Aber auch ein Wohnen, um das man sich kümmern muss. Das Haus braucht Pflege und Zuneigung.

Als Weiss sein Haus renovieren wollte, rieten ihm seine Freunde, sich genau zu informieren, der Heimatschutz schalte sich da gerne mal ein. Also informierte er sich. Und hörte damit nicht mehr auf. Bei seinem Umbau redete ihm keiner rein.

Ein Haus von 1420

Das Buch «Fachwerk: Bautraditionen in Mitteleuropa» ist ein Panorama auf 300 Seiten, reich an Bildern und Skizzen. Viele Vorbilder dafür finden sich in der Region rund um Winterthur. Das älteste Fachwerkhaus im ländlichen Raum der Schweiz, das Girsbergerhaus, steht seit 1420 in Stammheim.

Als Sekundarlehrer ist ihm geschickte Didaktik ein Anliegen. Durch Skizzen und Fotografien, selber gemacht und über die Jahre gesammelt, zeigt Weiss, was er im Laufe der Jahre gesehen hat. Früher noch analog auf gut zweitausend Karteikarten, heute eher digital in unzähligen Ordnern.

Das Zeichnen zwang ihn noch genauer hinzuschauen. Und er, der sich seit den Achtzigern mit Fachwerk auseinandersetzt, lernte dazu. Erst vor zwei Jahren, erzählt er, habe er die letzten Holzverbindungen an Fachwerkbauten in Stammheim entdeckt.

Holzverbindungen sind das Bindegewebe der Fachwerkhäuser und der Handwerksstolz ihrer Erbauer. Die Zunftgesetze im Mittelalter verboten damaligen Zimmerleuten die meisten Lieblingstricks heutiger Heimwerker. Nägel und der Einsatz von Eisen war verboten, Leim war den Schreinern vorbehalten. Was Zimmerleute bauten, musste von selber halten, mit Bolzen und Zapfen, gesteckt und verkeilt. So auch die Wände der Fachwerkhäuser.

Faszinierend kompliziert

Walter Weiss erzählt, wie er unzählige Spielarten dieser Holzverbindungen an den alten Häusern entdeckt hat. Quer durch die Schweiz, den Norden Frankreichs und Süddeutschland ist er gereist und hat diese Verbindungen dokumentiert. In der Nähe von Hafenstädten oder auch in Süddeutschland fand er faszinierend komplizierte Verbindungen; Eine Machtdemonstration des Handwerks.

Fachwerkhäuser in der Schweiz würden sich eher durch Schlichtheit auszeichnen, führt Weiss aus. Keine unnötige Verkomplizierung, eher überlegte und nützliche Verbindungen fände man hier. Es sei beim Bau wie bei der Mode: Die Schweiz zeichnet sich häufig durch eine vorsichtige Verspätung aus. Ein retardierendes Moment, nennt es Weiss. Erst durch heimkehrende Söldner oder Handelsreisende kamen gewisse Techniken in der Schweiz an.

Viel Wissen um die Machart dieser Holzverbindungen sei verlorengegangen. Dabei spielten auch die einfachen, schlichten Varianten von Fachwerkhäusern wichtige Rollen in der Geschichte. Nachdem der dreissigjährige Krieg über Mitteleuropa fegte, stellten Zimmerleute Fachwerk quasi standardisiert her, sagt Weiss.

Was man dazu wissen muss: Ein Fachwerkhaus wird nicht wie eine Blockhütte oder ein Ziegelsteinbau von unten nach oben gebaut. Die Wände werden am Boden liegend, auf sogenannten Reissböden, verstrebt und dann auf die Grundmauern gestellt. Erst jetzt füllt man die Fächer zwischen den Verstrebungen mit Mörtel aus.

Die Zimmerleute nach dem Krieg begegneten der hohen Nachfrage nach Häusern also mit den gleichen Mitteln, die noch heute in Managementseminaren gelernt werden: Optimierung der Supply Chain – effiziente Produktion. Die Zimmerleute bauten auf den selben Reissböden gleich mehrere Wände für mehrere Häuser.

Ganz ähnlich wie heute Häuserteile im Elementbau hergestellt werden. Bloss sind es nun Computer, die individualisierte Wünsche zu Wänden werden lassen. Elementbau sei die konsequente Weiterentwicklung von Fachwerk, sagt Weiss. Und in ein paar Jahrhunderten, wer weiss, strahlen die peinlich genau gearbeiteten Elementbauhäuser ähnliche Geschichten aus wie ihre undichten, knorrigen und schlecht isolierten Vorgänger.

Erstellt: 13.03.2019, 14:43 Uhr

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