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Beeindruckend innig und transparent

zürich. Die Zürcher Sing- Akademie und das Tonhalle- Orchester Zürich feiern unter der Leitung von Charles Dutoit Benjamin Brittens 100. Geburtstag mit einer grossartigen Aufführung des «War Requiem».

Benjamin Britten (1913–1976), der bedeutendste britische Komponist des frühen 20. Jahrhunderts, hatte ein starkes humanistisches Sendungsbewusstsein. Dieses Jahr gedenkt man seines 100. Geburtstags. Britten erhob seine «Stimme» für die Aussenseiter der Gesellschaft und gegen die brutale kriegerische Zerstörung. So schrieb er auch als Repräsentant des britischen Inselstaates ein Requiem zur Eröffnung der im Krieg zerbombten, wieder aufgebauten und 1962 eingeweihten go- tischen ­St.-Michaels-Kathedrale in Coventry.

Das Werk, das er für dieses symbolträchtige Ereignis schrieb, nannte Britten «War Requiem», die Besetzung ist riesig, die Uraufführung in der Kathe­drale dirigierte der Komponist selbst. Die drei Solisten der Uraufführung sollten auf Wunsch des Komponisten als Zeichen der Versöhnung aus den einst kriegführenden Staaten kommen: Galina Wischnewskaja als Sopranistin aus der Sowjetunion, Peter Pears als Tenor aus Grossbritannien und Diet­rich Fischer-Dieskau für die Bariton-Partie aus Deutschland. Doch die so­wjetische Regierung verweigerte ihrer Sängerin die Genehmigung zur Ausreise – der Kalte Krieg war noch lange nicht überwunden.

Überzeitliche Liturgie

Das «War Requiem» ist eine «Missa de profunctis», eine Messe für die Dahingegangenen, die Kriegsopfer. Eines der prominenten britischen Opfer des Ersten Weltkriegs war der erst 25-jährige Dichter Wilfred Owen, der am 4. November 1918, nur eine Woche vor dem Waffenstillstand, nahe der französisch-belgischen Grenze fiel. Von ihm stammen die «Kriegsgedichte», die Britten zwischen die lateinischen Liturgietexte kommentierend einschob.

Diese englischen Owen-Gedichte teilt der Komponist den beiden männlichen Stimmen zu, dem Tenor und dem Bariton. Der Sopranistin wird zusammen mit dem Chor in dramatischer Zuspitzung die lateinische Messe übertragen. Die drei Solisten der Zürcher Aufführung in der Tonhalle meisterten diese «Rollenzuteilung» mit beeindruckender gestalterischer Grösse. Tatiana Pavlovskaya verlieh der überzeitlichen Liturgie mit ihrem grossen, eher dunklen und metalligen Sopran eine grosse Dimension.

Davon setzten sich die weicheren Männerstimmen wirkungsvoll ab. Die schlanke, gut fokussierte Tenorstimme von Toby Spence und der eher hohe, weich und besinnlich klingende Bariton von Hanno Müller-Brachmann waren vom Timbre her reizvoll aufeinander abgestimmt. So verschmolzen ihre Duette ganz im Sinne Brittens zu einer innigen Einheit. Ihre langen, «subjektiv» betroffenen Soli im «Libera me» waren – auch angesichts des riesigen Apparats im Hintergrund – von eindrücklicher gestalterischer Raffinesse.

Brittens Musik ist, trotz riesiger Besetzung, nur selten im Aufschrei, sondern insgesamt eher von nachdenklicher Intensität und inniger Wirkung. Charles Dutoit, ein Klangmagier von elegantem Zuschnitt, vermochte die klanglichen Schattierungen und ausdrucksbetonten Blech-Einsätze im ­Orchester grandios auszuspielen. Das Tonhalle-Orchester war ausgesprochen präsent, die einzeln geforderten Stimmgruppen spielten mit kammer­musika­lischer Präzision und Tongebung, der Gesamtklang war grossartig ausbalanciert und blieb auch im Fortissimo transparent.

Einfach spitze

Und dann der Chor. Von ihm wird alles gefordert: rhythmische Agilität und akzentuierte Schärfe, ein weich verschwimmendes Legato und der grosse Gesamtklang. Britten führt diesen immer wieder in schmerzliche Klänge mit ungewohnter Intonation – für die von Tim Brown einstudierte Zürcher Sing-Akademie kein Problem. Von überirdischer Magie war das von Dutoit jeweils langatmig zelebrierte Ausklingen des Chores. Aber auch im dramatischen Dialog mit dem Solo-Sopran, im dynamischen Zusammenstoss mit dem wuchtigen Blech und in den lyrisch-besinnlich fliessenden Klängen war dieser noch relativ neue, semiprofessionelle Chor einfach spitze. Die lichten, unschuldigen Einsprengsel der Zürcher Sängerknaben (Leitung: Konrad von Aarburg), welche aus Platzmangel im Foyer singen mussten, passten wunderbar dazu.

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