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Beerdigungsteam mit Verspätung

Eigens geschaffene Beerdigungsteams sammeln in Sierra Leone die Körper von Ebola-Toten ein. Um die Epidemie einzudämmen, sollten sie möglichst schnell agieren – im Alltag kämpfen sie aber gegen mangelnde Infrastruktur und schlechte Organisation.

Seit einigen Stunden liegt die Leiche schon da, am Rande einer kleinen Nebenstrasse, mitten in Freetowns geschäftigem East End. Ein toter Mann am Boden ist in diesen Tagen nichts Aussergewöhnliches mehr. Erst als die Wagen des Roten Kreuzes eintreffen, mit blinkenden Lichtern und lautem Hupen, strömt die Masse der Schaulustigen herbei. Die einen machen einen grossen Bogen um den leblosen Körper, andere zücken ihr Handy und halten filmend drauf. Vor versammelter Menge schlüpfen jetzt drei junge Männer in gelbe Schutzanzüge, ziehen Brillen, Mundschutz, Stiefel und Handschuhe an. Kein Stückchen Haut darf mehr zu sehen sein, das wissen die Männer nur zu gut. In Zeiten von Ebola können die kleinsten Fehler tödlich sein.

Mehr Tote, mehr Teams

Es ist der erste Einsatz des Beerdigungsteams an diesem Samstagmorgen. Als eines von elf Teams ist es dafür verantwortlich, Ebola-Leichen einzusammeln und zum städtischen Friedhof zu bringen. Das Rote Kreuz trainiert hundert Mitglieder für zehn zusätzliche Teams, erklärt Patrick Massaquoi, Kommunikationsverantwortlicher beim Roten Kreuz Sierra Leone. Noch seien viel zu wenige Mannschaften unterwegs. Denn die Zahl der Ansteckungen steigt stetig. Am Wochenende bestätigte das Gesundheitsministerium 49 Neuansteckungen in der Western Area, zu der auch die Hauptstadt Freetown zählt. In keinem anderen Distrikt gibt es aktuell mehr neue Fälle. Experten befürchten, dass sich das Virus in Freetown, wo über eine Million Menschen auf engstem Raum zusammenlebt, deutlich schneller ausbreiten kann als in den bisher betroffenen ländlicheren Regionen.

Das Tempo entscheidet

Die drei Mitglieder des Beerdigungsteams haben den leblosen Körper mittlerweile in einen gelben Leichensack gepackt und hieven ihn auf eine Bahre. Der Teamchef erkundigt sich bei den Umstehenden, wer vor dem Tod des Mannes bei ihm war und wer ihn angefasst haben könnte. Die Kette von Neuerkrankungen könne nur durchbrochen werden, wenn auf einen Ebola-Tod nicht gleich wieder eine Ansteckung erfolge, erklärt Massaquoi: «Deshalb müssen unsere Teams möglichst schnell vor Ort sein.» Je weniger Zeit zwischen Notruf und Abtransport der Leiche liegt, desto kleiner ist die Chance einer Neuerkrankung. So lautet zumindest die Theorie. Die Realität sieht oft ganz anders aus.

Hilfe wird gebremst

Kurz vor 9 Uhr herrscht geschäftiges Treiben im Hauptquartier des Roten Kreuzes. In wenigen Minuten sollte ein weiteres Beerdigungsteam zum ersten Einsatz des Tages aufbrechen. Doch erst fehlt ein Fahrer, danach ein Auto, und zuletzt steht alles bereit, die Teammitglieder sitzen im Wagen, aber nun sind die Chefs nirgends mehr zu sehen. Es habe eine Unstimmigkeit mit einem Arzt gegeben, der für die Begräbnisse zuständig ist, erklärt Patrick Massaquoi später. Auch diese Diskussion hat Zeit gekostet – als das Beerdigungsteam schliesslich losfährt, sind über drei Stunden vergangen, es ist Viertel nach 12. Erst eine weitere Stunde später wird die Leiche endlich abtransportiert. Seit Monaten betonen Helfer und Experten, wie wichtig die Geschwindigkeit im Kampf gegen Ebola sei. Doch in fast allen Teilen des Landes treten dieselben Probleme auf: Schlechte Organisation, mangelhafte Infrastruktur und die weit verbreitete Korruption verlangsamen jegliche Initiative. Mit Blick auf die wirtschaftliche Lage und die konfliktträchtige Vergangenheit Sierra Leones sind diese Umstände nur allzu verständlich – doch wenn sie nicht überwunden werden können, wird Ebola den Helfern auch künftig einen Schritt voraus sein.

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