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Bei Igeln wird sein Herz weich

Hannes Fischbacher hat in seinem Haus in Weisslingen eine Igelstation eingerichtet. Er behandelt die Tiere liebevoll wie Kinder und bringt sie durch den Winter. Doch er hat auch eine andere, unzimperliche Seite.

Im Schneidersitz sitzt Hannes Fischbacher da, auf seinem Schoss ein wenige Wochen altes, 300 Gramm leichtes Igeljunges. Er sagt: «Papa muss jetzt eine Operation machen.» Mit Küchenpapier hält er den Igel von beiden Seiten fest und zieht mit einer Pinzette eine Zecke aus den Stacheln. Dann legt er das Tier zurück. Der Käfig, ­ursprünglich für Meerschweinchen gekauft, steht auf Getränkekartons und ist mit Zeitungspapier ausgelegt, eine Infrarotlampe leuchtet schwach. Später wird Fischbacher für die Nacht eine Wärme­lampe hineinlegen. Die fünf jungen Igel werden sich rundherum drängen. Am nächsten Morgen, bevor er zur Arbeit geht, wird er sie mit trockenem Katzenfutter, Sultaninen und Baumnüssen füttern. Aschenbecher als Futtertröge Hannes Fischbacher, seit über 20 Jahren Kaminfeger, hat in seinem Haus in Weisslingen eine private Igelstation eingerichtet. Seit beinahe zehn Jahren bringt er die Tiere dort durch den Winter. Dieses Jahr sind es bislang fünf Jungtiere ­sowie fünf ältere Igel. Die jungen hat er im Wohnzimmer einquartiert, die älteren unten in der Waschküche. Die Tiere seien für ihn wie kleine Kinder, sagt er, «man muss gut zu ihnen schauen». Fischbacher geht in die Küche und spült die vier Aschenbecher, die als Futter­tröge dienen, gründlich und legt sie dann gefüllt mit frischem Wasser und Körnern zurück in den Käfig. Eine Familie hat Fischbacher, 55 und geschieden, nicht. Er ist ein Hobbytyp. Als er 16 war, ­bekam er einen Kaktus geschenkt, der nicht grösser war als sein kleiner Finger. Heute ist die Pflanze über 80 Zentimeter hoch – und dekoriert mit über 500 weiteren Kakteen seinen Wintergarten. Hobby oder Arbeit – Fischbacher macht da ohnehin keinen grossen Unterschied. Als Kind wollte er zwei Berufe lernen: Landschaftsgärtner und Kaminfeger. Mit der einen Tätigkeit verdient er heute Geld, die andere übt er in seiner Freizeit aus. Als Fischbacher Geld brauchte, um das Haus zu finanzieren, be­sorgte er sich einen Nebenjob als ­Zeitungsverträger in den frühen Morgenstunden. Heute ist das Haus bezahlt, trotzdem steht er nach wie vor jeden Morgen um halb vier auf. «Es macht mir Spass», sagt er. Der Weisslinger kümmert sich um Igel, seit er vor rund zehn Jahren beim Eierholen ein Tier auf der Strasse aufgelesen hat. Er rief den Tierarzt an und fragte: «Was muss ich tun? Ich würde mich wahnsinnig gerne um den Igel kümmern.» Er brachte das Tier vorbei, der Arzt entfernte die ­Zecken, und Fischbacher kaufte einen Sack Igelfutter für 88 Franken – Flocken, gemischt mit toten Käfern. Später merkte er, dass die Igel das Katzenfutter aus dem Supermarkt für drei Franken pro Zweikilopackung lieber hatten. Ab und zu muss Fischbacher nach wie vor zum Tierarzt – um Parasiten entfernen oder um eine Spritze geben zu lassen. Das macht eine Ärztin aus Turben­thal, die ihm auch immer wieder Igel vermittelt. Ein Faible für Tiere Nachbarn und Bekannte, Fischbacher nennt sie «Sponsoren», bringen ihm ab und zu Futter oder verwertbare Essensreste für die Igel vorbei. «Die Jüngeren, wenn sie schon richtig zubeissen können, mögen Nuss­stängeli am liebsten», sagt er. Er geht nach unten in den Keller und klopft mit einem Guetsli von aussen an den Käfig, wo die Igel sich in Zeitungen eingehüllt ­haben und schlafen. Es geht schnell, bis einer von ihnen hervorkommt und an einer Guetsliecke knabbert. Fisch­bacher zieht das Nussstängeli ­etwas zurück und schiebt es dann wieder vor, bevor er es ganz fallen lässt: «Sie spielen gern.» Er mag Tiere: Neben den Igeln leben bei ihm auch eine Katze, sechs Hühner und vier Meerschweinchen. Er hatte auch schon einen Feldhasen, zuletzt auch einen Hahn, doch der ist gestorben. Vergiftet worden, sagt er: «Der war wohl jemandem zu laut.» Kein «Tier-Softie» Wenn Fischbacher einen kleinen Igel auf dem Arm hat, ihn hätschelt und sich selber dabei «Papa» nennt, könnte man ihn als Softie missverstehen. Doch Fischbacher hat auch eine andere, unzimperliche Seite. Rund 40 Kaninchen leben zurzeit in seiner Garage. Doch bis Weihnachten werden sie alle tot sein. Fischbacher, auf einem Bauernhof im Appenzell aufgewachsen, züchtet sie und schlachtet sie selbst. Er verarbeitet sie zu Ragout, Geschnetzeltem oder Rollbraten. Dann verkauft er sie oder tischt sie seinen Gästen auf. «Dazu stehe ich», sagt er, «Kaninchen sind für mich Nutztiere.» Igel hingegen seien vom Aussterben bedroht. Es sind zwei Welten: In der einen Welt begleitet Fischbacher ältere Igel draussen im Kaninchengehege kon­trol­liert in den Winterschlaf, damit es drinnen wieder Platz für weitere bedürftige Igel gibt. In der anderen reist der Tierfreund als Gast zum Kochclub Fehraltorf und zeigt, wie man aus Kaninchen Rollbraten macht.

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