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«Beide Seiten kommen als Täter in Frage»

aleppo. Einen Tag nach der Entdeckung des Massakers in Aleppo ist noch immer nicht klar, wer dafür verantwortlich ist. Die Kriegsparteien weisen sich gegenseitig die Schuld zu.

Es ist vielleicht ein kleiner Hoffnungsschimmer für ein Land, das nach den Worten des internationalen Syrien-Sondergesandten Lakhdar Brahimi «vor den Augen der Weltgemeinschaft auseinanderbricht»: Mehr als eine Milliarde US-Dollar haben die arabischen Golfstaaten, die USA und andere westliche Staaten gestern auf einer internationalen Geberkonferenz in Kuwait an Hilfsgeldern zusagt. Das Spendenziel ist damit erreicht. Vier Millionen Syrer, die inzwischen auf Nothilfe der Vereinten Nationen angewiesen sind, können nun damit rechnen, dass ihre spärlichen Lebensmittelrationen nicht weiter gekürzt werden müssen.

Ein schwacher Trost

Diese vage Zusage der Uno ist für die in einem der härtesten Winter seit Jahrzehnten erbärmlich frierenden Betroffenen nur ein schwacher Trost. Denn eine Lösung des Konfliktes ist weiterhin nicht in Sicht. Es seien «keinerlei Fortschritte» gemacht worden, sagte Lakhdar Brahimi am Dienstag den Mitgliedern des Uno-Sicherheitsrates. Der algerische Diplomat skizzierte ein düsteres Szenario, berichtete über «noch nie da gewesene Ausmasse des Schreckens» in Syrien. Baschar el Assad werde sich zwar «vorerst» an der Macht halten. Seine Legitimität sei aber «ernsthaft, wahrscheinlich unwiderruflich, beschädigt». Die Mitglieder des höchsten Uno-Gremiums müssten daher endlich handeln, um die gegenseitige Blockade zu überwinden. Damit gemeint waren Russland und China, die mit ihrem Veto kraftvolle Resolutionen gegen Syrien bislang verhinderten – und dies vermutlich auch in Zukunft tun werden.

Wie dramatisch die Lage in Syrien ist, zeigt sich gegenwärtig vor allem in Aleppo: In einem Fluss der Vier-Millionen-Metropole wurden am Dienstag die Leichen von über 80 jungen Männern gefunden. Sie waren mit den Händen auf dem Rücken gefesselt und dann mit einem Kopfschuss ermordet worden. Rebellen und Regierungstruppen machten sich gegenseitig für das Massaker verantwortlich. Der Vorsitzende der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London, Osama Sleiman, geht davon aus, dass «beide Parteien für die Mordorgie verantwortlich sein könnten». Das hätten sie schon mehrfach unter Beweis gestellt. Sowohl bei der Armee als auch bei den Rebellen gebe es keine einheitlichen Kommandostrukturen mehr.

Von Versorgung abgeschnitten

Der stellvertretende syrische Ministerpräsident Kadri Dschamil musste unterdessen zugeben, dass das zu etwa gleichen Teilen von Armee und Rebellen beherrschte Aleppo von den Versorgungswegen abgeschnitten ist. Bewaffnete Gruppen hätten den Zugang zu der Grossstadt gesperrt. Man habe keine Möglichkeiten mehr, die Einwohner mit Lebensmitteln zu versorgen. Ihre Lebensbedingungen erinnerten an die «Blockade von Leningrad im Zweiten Weltkrieg», sagte Dschamil der russischen Nachrichtenagentur Novosti.

Der Vergleich mag zwar übertrieben sein. Zu den Mitteln der Kampfführung im syrischen Bürgerkrieg gehört bereits seit einigen Monaten auch die gezielte Zerstörung der zivilen Infrastruktur des Gegners. Gas- und Stromleitungen werden von den Rebellen mutwillig zerstört. Die syrische Luftwaffe bombardiert Bäckereien in den sogenannten befreiten Gebieten, während Oppositionsmilizen staatliche Getreidesilos plündern und den Weizen auf türkischen Basaren verkaufen. Die inzwischen auf über 700 000 angestiegene Zahl von syrischen Flüchtlingen in den Nachbarstaaten dürfte daher weiter anwachsen. Angesichts noch immer zögerlicher internationaler Hilfe für die Heimatvertriebenen sind die Grenze der Belastbarkeit dort längst überschritten worden.

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