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Beim Abstieg lauert der Tod in der Turbine

Flusskraftwerke werden für Aale und andere Fischarten zur tödlichen Falle auf der Wanderung Richtung Meer. Davon zeugen viele verstümmelte Fische unterhalb des Kraftwerks Rhein­au. Zwar wird geforscht, aber eine Lösung ist noch nicht in Sicht.

Pius Kündig wohnt in Rhein­au und ist leidenschaftlicher Fischer. Er stapft mit seinen Fischerstiefeln und seiner Fischerrute dem Rheinufer unterhalb des Stollenauslaufs entlang. Das Wasser ist glasklar. An der welligen Oberfläche spiegelt sich der blaue Winterhimmel. Dar­un­ter sieht das ungeübte Auge nur Steine, grosse, kleine, dunkle und hellere; Hunderte, Tausende. Das Auge des Fischers sieht aber mehr. Es entdeckt weisse, längliche Fragmente. Mit der Rute stochert Kündig am Grund und befördert die hellen Teile ans Ufer. In kurzer Zeit liegt ihm ein halbes Dutzend toter Aale zu Füssen – zerschnitten, geschreddert, gequetscht. Einer lebt noch. Schnell und glitschig wie der sprichwörtliche Aal ist er nicht mehr. Apathisch lässt er sich ans Ufer holen und berühren. 400 Kubikmeter pro Sekunde Das Rhein­au­er Flusskraftwerk produziert jährlich 240 Millionen Kilowattstunden Strom und deckt so 0,4 Prozent des Schweizer Strombedarfs. Durch seine zwei mächtigen Kaplanturbinen stürzen pro Sekunde 400 Kubikmeter Wasser und bewegen die mächtigen Turbinenschaufeln mit 93,8 Umdrehungen pro Minute. Mit den Wassermassen werden auch unzählige Aale und andere Fische durch die Turbinen gedrückt. Für sie bedeutet ein Abstieg durch die Turbinen eine tödliche Gefahr, vor der es kein Entrinnen gibt. Pius Kündig schmerzt der Anblick der verstümmelten Fische. Er fragt sich, ob zur Zeit des Aalabstiegs die Turbinen nicht anders eingestellt werden könnten, damit die Tiere nicht so grausam verenden müssten. Die Frage nach Lösungen, um das Massaker an den Aalen zu vermeiden, führt in den Kanton Aargau zu dem Gewässerbiologen Ueli Rippmann in Auw und zu der Konzernzentrale der Axpo in Baden, der das Kraftwerk Rhein­au (Erag) gehört. «Es sind drei Dinge, die den Fischen zu schaffen machen. Sie können durch einen Schlag von den Turbinenschaufeln getötet werden oder indem sie an den Aussenwänden eingeklemmt werden. Ausserdem sind es die extremen Druckschwankungen, die den Fischen die Augen ausdrücken können», so Rippmann. Man rechnet, dass beim Durchgang durch die Turbinen fünf Prozent der Fische sterben. Das könnte eine Fischart verkraften. Allerdings muss ein Fisch allein zwischen Schaffhausen und Basel elf Kraftwerkstufen passieren. Das ergibt rechnerisch eine Überlebenschance von geringen 57 Prozent. Versuche laufen im Kleinen In ihrer schriftlichen Stellungnahme schreibt Axpo-Mediensprecherin Daniela Biedermann, dass der Fischwanderung bei der Planung von neuen Kraftwerksanlagen oder bei Neukonzessionierungen eine grosse Bedeutung beigemessen werde. Der Abstieg der Fische in den grossen Flüssen Europas sei jedoch noch nicht ausreichend erforscht. In Deutschland und in der Schweiz würden seit Kurzem funktionierende Fischabstiegsanlagen bei Kleinwasserkraftwerken eingesetzt. Biedermann verweist dabei auf das konzerneigene Aare-Kraftwerk Rüchlig, wo mit einer kleinen Ausbauwassermenge ein Fischabstieg realisiert werde. Beim Kraftwerk Rhein­au sieht es anders aus: «Für Kraftwerke dieser Grössenordnung sind noch keine technischen Möglichkeiten bekannt, um den Fischabstieg zu gewährleisten», schreibt Biedermann. Weiter verweist sie auf die Anstrengungen der Aare-Rheinwerke (V.A.R.). Diese finanzieren ein mehrjähriges Forschungsprojekt an der ETH und der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag). Mit der Forschungsarbeit soll herausgefunden werden, wie die Fische und ihr Verhalten beeinflusst werden können, um sie an den Turbinen vorbei durch besondere Umgehungswasser zu leiten. Feine Rechen fallen dabei als Lösung weg. Sie würden durch Schwemmholz gefährdet und würden die Leistung der Turbinen schmälern. Bleibt als Ausweg eine List: Weil sich die Fische im Normalfall an der Hauptströmung orientieren, sollen sie durch sogenannte Verhaltensbarrieren umgelenkt werden. Mit dem Abschluss der Studie rechnet Biedermann bis Ende des laufenden Jahres.

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