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Besser eingestellt und besser aufgestellt

Nach dem 3:0 gegen Honduras ist die Schweiz dort, wo man sie an dieser WM erwarten durfte, in den Achtelfinals. Das ändert nichts daran, dass dies eine gute Leistung ist.

Er habe, sagte Ottmar Hitzfeld noch in der Hitze von Manaus, «nie daran gezweifelt, dass wir in die Achtelfinals kommen». Das lässt sich, wäre da beizufügen, nach einem Sieg leicht sagen. Wichtiger aber ist: Hitzfeld, der Altmeister, hat gehandelt wie einer, der seiner Sache sicher ist, der eben nicht zweifelt. Das Ergebnis: Die Schweiz war gegen Honduras besser eingestellt als gegen Frankreich; sie war besser aufgestellt; es waren zwei Gegner unterschiedlichen Kalibers und die Schweiz hatte gegen die Honduraner auch jene Réussite, die ihr gegen die Franzosen gefehlt hatte.

Besser eingestellt. Obwohl Honduras mindestens eine Nummer kleiner ist als Frankreich, spielten die Schweizer gegen die Mittelamerikaner «demütiger» als gegen die Franzosen. Sie hatten eindeutig die Lehre aus dem Debakel gezogen, als sie zu wenig diszipliniert und gut verteidigten, ihre Aufgabe irgendwie gar unterschätzten. Es war in den Tagen seit jenem 2:5 dem Grundsatz wieder Geltung verschafft worden, für eine Schweizer Mannschaft, die in den Aussagen plötzlich wieder die «kleine Schweiz» war, komme «Verteidigen zuerst».

Besser aufgestellt. Die Spieler hatten den Match gegen Frankreich nicht richtig in den Griff bekommen, aber auch der Coach. Seine Personalwahl war nicht so gelungen wie üblich, mit Philippe Senderos und nicht Fabian Schär als (überraschendem) Stellvertreter Steve von Bergens, mit Haris Seferovic, der vom Joker zum Starter befördert wurde, anstelle Josip Drmics.

Schär ist zurzeit besser als Senderos, Drmic ist zweifelsfrei der Stürmer in Form. Es half der Mannschaft gegen die Honduraner aber auch, dass Xherdan Shaqiri erstmals als zentral offensiver Mittelfeldspieler oder – je nach Wortwahl – zurückhängende Spitze und nicht auf der rechten Flanke begann. Es war ja schon ziemlich offensichtlich gewesen, dass Shaqiri in der zweiten Halbzeit gegen Ecuador und gegen Frankreich, nach einem Platzabtausch mit Granit Xhaka, wirkungsvoller geworden war.

Im Zen­trum war Shaqiri mehr im Spiel. Er verlor zwar den Ball noch ab und zu, aber die Wirkung war eindeutig höher. Oder wie es Hitzfeld sagte: «Die Position war noch etwas ungewohnt, Xherdan muss so auch mehr laufen. Aber drei Tore – die sprechen für sich.» Es sieht ganz danach aus, als habe Hitzfeld im Dschungel die – mal abgesehen von Steve von Bergen – beste Variante gefunden.

Unterschiedliche Gegner. Natürlich spielte auch eine Rolle, dass Honduras nicht ein Gegner vom Format Frankreichs ist. Die Franzosen sind auf dem Rückweg in die Spitze, die Honduraner sind nicht mehr als internationales Mittelmass. Aber: So klar ist der Unterschied zwischen den beiden Gegnern nicht, dass sich dies in einem 2:5 und einem 3:0 hätte bemerkbar machen müssen. Sechs Tore betrug diese Differenz zweifelsfrei nicht zuletzt wegen des Schweizer Beitrags.

Die Réussite. So klar am Ende das 2:5 wie das 3:0 war: Es war offensichtlich, dass der Match gegen die Honduraner für die Schweiz lief, genauso wie der gegen die Franzosen gegen sie gelaufen war. Schon nach fünfeinhalb Minuten durch einen Weitschuss in Führung zu gehen, ist was anderes, als nach sieben Minuten den besten Verteidiger durch die (weitgehend ungeahndete) Grobheit eines Gegners zu verlieren. Oder: Gegen die Franzosen wurde eine Unachtsamkeit Johan Djourous sehr streng mit einem Elfmeter bestraft; gegen Honduras war die Regelauslegung generöser, also blieb der Genfer von dieser Strafe verschont. Und mit einem Bena- glio in der Verfassung von Manaus hätten die Franzosen nie fünf Tore zustande gebracht.

Das Vertrauen des Trainers

Die Schlussfolgerung ist: Hitzfeld hat die richtigen Schlüsse gezogen und die Mannschaft hat sie gut umgesetzt. «Ich muss ihr ein Riesenkompliment machen», sagte der Coach denn auch als Erstes, «denn sie hat nicht nur gegen einen starken Gegner, sondern auch gegen das Klima gespielt.» Der Trainer lobte die «sehr gute Leistung und den totalen Willen; es wurde der innere Schweinehund überwunden und es wurden Opfer gebracht». Jeder sei «an die Grenze gegangen».

Der Beitrag des Trainers war, auch nach dem Frankreich-Match an seine Mannschaft zu glauben, ihr zu vertrauen. «Wir haben jenes Spiel analysiert», fügte Hitzfeld bei, «und wir haben auch gute Sachen gesehen. Wir reagierten nicht erst gegen Honduras, sondern schon in der zweiten Halbzeit gegen Frankreich, mit zwei wichtigen Toren.» Also hätten sie sich «nicht nervös machen lassen. Wir wussten, dass wir einen schlechten Tag hatten.» Hitzfeld wunderte sich einfach, wie ein einziges Spiel, mag es auch noch so missraten sein, reichen konnte, dermassen den Glauben an seine Mannschaft zu verlieren.

Also handelte der Trainer, was sehr schnell absehbar war, genauso wie vor einem halben Jahr nach dem 4:4 gegen Island, das nach einem 4:1-Vorsprung ja auch als herber Rückschlag galt: Er verfiel demonstrativ nicht in Aktionismus, bevor es vier Tage später ins entscheidende Spiel gegen Norwegen in Oslo ging, und er tat es auch jetzt nicht. In Norwegen nahm er einzig Gökhan Inler, der gesperrt gewesen war, wieder in die Mannschaft; alle andern blieben drin, selbst Ricardo Rodri- guez, dessen isländischer Gegenspieler doch drei Tore geschossen hatte. Seinen Platz räumen musste für Inler übrigens Blerim Dzemaili. Der hatte, auch das kann man als Parallele sehen, mit seiner zweiten Halbzeit gegen Frankreich seine Kandidatur diesmal für den Platz Valon Behramis abgegeben. Manche hätten ihn gewiss aufgestellt, nicht aber Hitzfeld. Der vertraute – wieder – der bewährten Hierarchie.

Eine Jahrzehnt-Sache

«Unter Druck ist er am stärksten», pflegt der Nationalmannschafts-Delegierte Peter Stadelmann in solchen Si­tua­tio­nen über Hitzfeld zu sagen. Vielleicht hat der Welttrainer diese Qualität in Manaus ein letztes Mal zeigen können. Sehr wahrscheinlich wird nicht mal sie reichen, um Argentinien zu schlagen. «Aber dieser Achtelfinal wird eine grossartige Sache für uns, wir sind bereit dafür, auch wenn es ein Auswärtsspiel sein wird.» Es werden Zehntausende von Argentiniern in São Paulo erwartet, die Unterstützung eines andern grossen Fussballlandes haben die Schweizer allerdings: Ganz Brasilien wird hinter ihnen stehen … Zuerst allerdings gönnt Hitzfeld seinen Spielern einen freien Freitag.

Was sie bisher erreicht haben, mag noch nicht die Erfüllung des Trainerwunschs sein, «Geschichte zu schreiben». Die Schweiz ist als Achtelfinalist erst dort, wo man sie aufgrund ihrer Qualitäten in dieser Gruppe erwarten durfte, wo sie auch selbst unbedingt hinwollte. Nicht mehr hat sie bisher erreicht. Aber das ist schon mal gut. Bestenfalls einmal im Jahrzehnt gab es das – 1994, 2006 und nun 2014. Vorher nie seit 1954.

Hansjörg Schifferli

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