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Bibliothek als «Ort der Erinnerung»

«Indem hier schon immer Winterthurer Bilder, Dokumente, Nachlässe gesammelt wurden, ist die Studienbibliothek per definitionem ein Ort der Erinnerungen», sagt ihr Leiter, Andres Betschart. «Durch die zum Jubiläum geplante Internetplattform samt Blog wird sie nun quasi in den digitalen Raum erweitert.» Das Projekt solle einen einfachen Erlebnis- und Erfahrungsaustausch ermöglichen und das Erinnern aktiv fördern: «Davon erhoffen wir uns, weitere Facetten des früheren Lebens in Winterthur kennen zu lernen.» Denn generell habe sich heute die Ansicht durchgesetzt, dass jede Erinnerung wertvoll ist. Gefragt seien nicht mehr nur die sprichwörtlichen Memoiren berühmter Persönlichkeiten. «Indem wir auch Alltägliches erhalten, machen wir die Veränderung sicht- und nachvollziehbar: Die Erinnerungen werden zu Angelpunkten des künftigen Verständnisses.» Ob die Studienbibliothek damit einem allgemeinen Trend folgt, kann Betschart nicht beurteilen. «Oral History, mündliche Überlieferung, ist wissenschaftlich schon länger ein Thema. Vielleicht hat sie an Bedeutung gewonnen, weil man realisiert hat, mit welcher Geschwindigkeit sich die Welt heute verändert. Ausserdem stehen heute auch vielfältige Medien zur Verfügung, um die Zeitzeugnisse festzuhalten.» Dadurch sei – sowohl bei den Absendern wie auch bei den Empfängern – eine gewisse Demokratisierung in Gang gekommen. Und diese soll nun helfen, Leben in die «Bücherwelt» zu bringen: «Bei diesem Projekt geht es ein Stück weit um die Rolle der Bibliotheken in Zukunft – ein Thema, das natürlich auch uns umtreibt. Wir müssen Wege finden, unsere ‹Schätze› unters Volk zu bringen – oder Impulse schaffen, die das Interesse dafür wecken.» Zusätzliche Stelle geschaffen Das erklärt auch, weshalb die Kosten des Projektes nur zu einem Teil im Jubiläumsbudget zu Buche schlagen werden: Die Anbindung an die virtuelle Welt ist ein längerfristiges Projekt der Bibliotheken. Ein Teil der Arbeit wird innerhalb des normalen Bibliotheks­betriebes erbracht. Speziell für die Betreuung und Redaktion des Blogs ist im Jubiläumsjahr jedoch zusätzlich eine halbe Stelle budgetiert. Ob das alles nur Eigenwerbung ist? «Ich würde es anders sagen: Primär wollten wir mitmachen, einen Beitrag leisten, Präsenz markieren», sagt Betschart. Aber es sei dabei auch zentral gewesen, dass der Jubiläumsbeitrag nicht nur ein kurzes Feuerwerk sei, sondern etwas, das Bestand habe. Ein gewisser Werbeeffekt sei natürlich bei allem, was man mache, erwünscht: «Das gilt für alle unsere Veranstaltungen – und ist auch Teil unseres Auftrags.» So einfach wie möglich Die Aktion der Winterthurer Bibliotheken beginnt bereits im kommenden Herbst: Ab Oktober soll das Projekt aufgebaut werden, indem einzelne In- halte der Sondersammlungen aufs Netz gestellt werden. Die eigentlichen Erinnerungsprojekte werden dann erst 2014 folgen. Wie gut das Projekt ankommt, kann Betschart nicht abschätzen: «Das ist das einzige Risiko: Es steht und fällt alles mit der Anzahl, dem Gehalt, der Lebendigkeit der Beiträge.» Aber sind denn ältere Menschen, welche die ‹Hauptquellen› von Erinnerungen sind, willens und in der Lage, am Computer zu arbeiten? «Heute sind viele Senioren vertraut mit den digitalen Medien», sagt Betschart. «Trotzdem müssen wir zusätzlich niederschwellige Zugänge in die virtuelle Welt anbieten, etwa indem man in den Bibliotheken handschrift­liche Beiträge abgeben kann, die von uns ins Netz gestellt werden.» Andere Massnahmen sollen zudem ganzjährig zur Mitwirkung motivieren, so soll eine «Frage des Monats» gezielt Erinnerungen wecken. Eine zentrale Rolle werden auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein­nehmen, die aktiv zum Mitmachen animieren sollen. Mutieren sie damit nicht zu Sozialarbeitern? «Das ist zwar etwas überspitzt ausgedrückt, aber in einigen Ländern geht der Trend heute schon stark in diese Richtung», sagt Betschart. «Eine Brücke zwischen den Welten zu schlagen, den Zugang zur Information zu ermöglichen – das wird in Zukunft sicher eine wichtige Aufgabe der Bibliotheken sein.»

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