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Bilder einer «beschädigten Welt»

Die Bilder von Velimir Ilisevic erzählen Geschichten, die nicht so eindeutig sind, wie es zunächst scheint. Das Atelier Alexander widmet dem 1965 im heutigen Kroatien geborenen Künstler eine Ausstellung.

Äusserlich gesehen herrschen Pastellfarben vor, bleiches Türkis, mattes Himbeerrot, aufgehelltes Senfgelb. Dazu kommen weiche Formen, oft so, dass ein Bild nicht die ganze weisse Fläche bis zum Rand hinaus ausfüllt. Die Motive tauchen in leicht variierten Spielarten auf verschiedenen Bildern immer wieder auf – Boote oder Schlüssel zum Beispiel. Ganz offensichtlich stehen die Bilder in einem Verhältnis zueinander. Einige davon sind sogar unter demselben Titel in Reihen zusammengefasst. «Ein Bild ist nie allein», erklärt Velimir Ilisevic, «es sind immer Verwandte da.» Er vergleicht seine Werke mit den Ästen eines Baums, die alle denselben Stamm und dieselbe Wurzel haben.

Das zeigt sich auch darin, dass Gegenstände oft eine ähnliche Form annehmen. So sehen Boote, Schlüssel und selbst eine springende Figur ein wenig aus wie «Schlüferli», das traditionelle Fasnachtsgebäck. Die Bilder pendeln zwischen Gegenständlichkeit und Ab­straktion und verfremden das Dargestellte.

Geschichten

Das gilt auch für zwei weitere Motive: Häuser und Ufer. Letzteres hat der Ausstellung ihren Titel gegeben: «Ufer – Bilder und Zeichnungen». An einem Ufer ist vom Land und vom Wasser her etwas zu Ende. Ein Ufer ist die Grenze zwischen zwei Elementen. Auf den Bildern wird die Grenze an unterschied­lichen Farbtönen und Mustern kenntlich. Mit diesen Mitteln gestaltet der Künstler eine Botschaft. Oder besser: Er erzählt eine Geschichte, wie er es formulieren würde. Ilisevic unterstreicht das zusätzlich, indem er sehr bewusst seinen Gemälden gegenständliche Titel gibt: «Kamm» heisst eines, «Sprung» ein anderes, ein weiteres «Überfahrt».

Die Geschichte, die der Künstler beim Malen im Kopf hat, wird im Werk natürlich nicht eins zu eins transportiert. Sie wird vielmehr gebrochen und kommt beim Betrachter als ein neuer Eindruck an, bei jedem wieder anders.

Manche Betrachter verbinden mit dem Namen Velimir Ilisevic Erinnerungen an die Kriege im ehemaligen Jugoslawien. Bei der Farbe Rot sehen sie Blut. Der in Bosnien und Herzegowina aufgewachsene Künstler sieht etwas anderes: «Bei Rot stelle ich mir zum Beispiel einen Sonnenuntergang vor.» Dennoch spiegelt sich in seinen Bildern eine, wie er sich ausdrückt, «beschädigte Welt». Seine Werke bieten keine Heilung und keine Lösung. Der Künstler kann nur sichtbar machen, was sonst in der Menge der Gegenstände unterginge. Seine Kunst weckt Aufmerksamkeit, legt den Finger auf den wunden Punkt.

Übergänge

Oder in den Worten Ilisevics: «Es ist eine Heldentat der Kunst, dass sie Fragen stellt.» Und dennoch strahlen Ilisevics Bilder auch Hoffnung aus. Sie handeln immer wieder von einem Übergang. Man gelangt mit einem Boot vom Land ins Wasser, mit einem Schlüssel aus dem beengenden Gebäude ins Freie oder umgekehrt zurück in ein schützendes Haus. Im übertragenen Sinn verschafft ein Schlüssel auch Zugang zu einem anderen Menschen. Am Ufer sein heisst vielleicht so viel wie nahe bei einem anderen Menschen stehen. Bei aller Versehrtheit der Welt: Rot ist auch die Farbe der Liebe.

Velimir Ilisevic – Ufer

Atelier Alexander, Wülflingerstr. 258, bis 10. Mai

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