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Blick über Tellerrand führt weiter

Gleichgesinnte findet man schnell, wenn das Internet die eigenen Vorlieben «kennt». Doch wer immer in ähnlichem Umfeld sucht, kommt nicht weiter, weder persönlich noch ­beruflich.

Noch nie war es so einfach, so viele Freundinnen und Freunde zu haben. Das Internet lädt dazu ein, sich mit Menschen, die gleiche Interessen äussern, zu vernetzen. Wer weiss, diese Verbindungen könnten ja einmal nützlich sein. In der Tat haben sich schon viele Partner fürs Geschäft, die Freizeit oder das Leben so kennen gelernt. Aber erweitern wir mittels Internet wirklich unseren Horizont?, fragt der Direktor des Center for Civic Media am Massachusetts Institute of Technology (MIT), Ethan Zuckerman. In seinem Buch «Rewire – Warum wir das Internet besser nutzen müssen» weist er auf den Tunnelblick vieler Online-User und -Userinnen hin und warnt davor, der «Filterblase» zu erliegen.

Verlust an Lebensqualität

Immer häufiger wird dem Internetnutzer eine bequeme Personalisierung seiner Suchvorgänge angeboten. Viele dafür notwendige Daten sucht sich die Software eigenständig aus dem Surfverhalten des Users. Social-Media-Plattformen bieten gezielt Nachrichten an, die für den wieder erkannten Leser interessant sein könnten. Und natürlich wissen Warenanbieter bereits, was Bestellern mit einem ähnlichen Profil gefällt oder zur bereits getätigten Auswahl noch gut passen würde. Das ist komfortabel und schützt vielleicht ein Stück weit vor negativen Überraschungen. Doch die Schubladisierung schirmt auch von glücklichen Zufallsfunden ab. Das wiederum, argumentiert Zuckerman, ist ein Verlust an Lebensqualität.

Offen sein für Zufallsfunde

Warum ziehen immer mehr Menschen in überfüllte Städte, wo das Leben anstrengender ist als auf dem Lande, der Wettbewerb härter und der Verkehr gefährlicher? Weil ihnen die Stadt Anregung bietet und mehr Möglichkeiten locken als auf dem Dorf. Genauso verhält es sich mit der virtuellen Welt: Es mag mühsam sein, immer neue Wege einzuschlagen, doch es ist auch spannender, als auf den ausgetretenen Pfaden zu bleiben. Über Zufallsfunde, die das Leben bereichern, stolpert man unerwartet. Nur in ihnen steckt Innovationskraft und damit Macht. Ein berühmtes Beispiel für einen Zufallsfund ist die Entdeckung des Penizillins. Eine Spore des Penicillium-Pilzes verunreinigte die Petrischale, in der Alexander Fleming 1928 ganz andere Bakterien züchtete. Aber wenn er nicht schon umfassende Kenntnisse über die Bakterienbildung gehabt hätte, hätte er die antibiotische Wirkung des Penizillins nicht richtig einschätzen können. Das heisst, Beobachtungen fallen auf besonders fruchtbaren Boden, wenn der Geist schon darauf eingestimmt ist. Deshalb empfiehlt Zuckerman strukturierte Wanderungen, sei es online oder offline. Man geht aus von etwas, was man schon mag, und sucht seine Entsprechung zum Beispiel im Ausland. Wer gerne Tango tanzt, für den liegt es nahe, einmal einen Tanzkurs in Berlin zu besuchen oder vielleicht sogar nach Buenos Aires zu reisen. Er könnte sich aber auch Musikbeispiele aus Finnland herunterladen und so begeistert sein, dass er die Gruppe einmal live in Helsinki sehen möchte, was ihm sonst nicht in den Sinn gekommen wäre.

Brückenbauer fördern

Ethan Zuckerman bekennt sich klar zu kultureller Vielfalt und sieht nur darin eine Entwicklung für die Menschheit. Gruppendenken ist zwar bequem, vermittelt Geborgenheit und Sicherheit. Doch in der Komfortzone entsteht kein Fortschritt. Probleme werden besser gelöst, wenn unterschiedliche Menschen daran arbeiten. Gemischte Teams haben in der Anfangsphase eines Projekts zwar mehr «Prozessprobleme».

Aber die Vielfalt der Meinungen bringt auf lange Sicht tragfähigere Lösungen. Unterschiedliche Kompetenzen sind im Ex­tremfall überlebensfähiger als ein starres System.

Deshalb steckt grosses Potenzial in den Brückenbauern, in den Übersetzern zwischen kulturellen Welten. Dies sind häufig Zuwanderer, deren Kinder oder viel gereiste Einheimische. Die Forderung lautet deshalb, so viele Ressourcen wie nötig in die Bildung zu stecken, Schüler und Erwachsene zu Auslandserfahrungen zu motivieren und die vernetzte Welt in das eigene Handeln zu integrieren. Das fängt schon beim Medienkonsum an. Schaue ich jeden Abend den gleichen Fernsehsender oder lasse ich mich auf eine fremde Perspektive ein? Klicke ich nur die obersten Google-Vorschläge an? Beziehe ich mein Wissen nur aus Wikipedia? Wir haben noch viel zu lernen, sagt der Medienforscher, deshalb sollten wir offen für Neues bleiben.

Rewire! Warum wir das Internet besser nutzen müssen. Ethan ­Zuckerman. Verlag Hans Huber. ISBN 978-3-456-85367-3. 37.90 Franken.

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