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Bretagne kämpft um ihre Landwirtschaft

Paris. Schlägereien zwischen französischen Schlachthof-Arbeitern bilden den vorläufigen Höhepunkt einer schweren Krise des europäischen Fleischmarktes. Vor allem die Bretagne ist hart betroffen. Die Regierung in Paris macht Deutschland verantwortlich.

Unschöne Szenen ereignen sich derzeit in der schönen Bretagne. Am Dienstag gingen Arbeiter des Fleischunternehmens Gad mit blossen Fäusten aufeinander los. Etwa fünfzig entlassene Angestellte aus der Werkstätte in Lampaul hatten die Schwesterfabrik in Josselin aufgesucht, um höhere Abgangsentschädigungen zu verlangen. Sie sind der Ansicht, dass die – weiter produzierende – Schlachterei in Josselin einen Teil an den Abbau in Lampaul beitragen solle, und skandierten lautstark «Solidarität, Solidarität!».

Allerdings rechneten sie nicht mit der Reaktion ihrer Arbeitskollegen: Etwa 400 von ihnen traten ihnen vor der Fabrik in Josselin entgegen. Sie trugen bewusst weisse Arbeitskleidung mit blauem Haarschutz, um sich von den Besuchern abzuheben, und bildeten mit verschränkten Armen einen Wall um das Unternehmen. Bald flogen die Schimpfworte und dann auch die Fäuste; viele Besucher wurden in die Böschung geworfen. Die Polizei trennte schliesslich die Streithähne. Die aus Lampaul Gekommenen blieben aber über Nacht vor Ort und sperrten die Zufuhr auch am Mittwoch, sodass aus Josselin kein Fleisch abtransportiert werden konnte.

Internationaler Preiskampf

In Frankreich hatte man solche Raufereien zwischen Arbeitern noch kaum je gesehen. Hintergrund ist die Krise des französischen Schweinefleisches, das zu 57 Prozent in der Bretagne verarbeitet wird. Nicht nur das Unternehmen Gad – die frühere Nummer eins des europäischen Fleischmarktes – baut massiv Arbeitsplätze ab. Die ganze französische Branche kann mit der Konkurrenz ausserhalb der Landesgrenzen nicht mehr mithalten. Schlachthöfe in Spanien, vor allem aber auch in Deutschland produzieren dank Billiglohnarbeitern aus dem Osten weitaus günstiger. Gad transportiert jede Woche Abertausende von Schweinen über die Grenze in deutsche Verarbeitungszentralen.

Industrieminister Arnaud Montebourg verlangt als Reaktion Massnahmen auf europäischer Ebene und in erster Linie in Deutschland, wo Fleischverarbeiter zum Teil nur 400 Euro im Monat erhielten, wie er sagte. «Die Frage der deutschen Löhne ist ein wahres Problem und Teil französischer Forderungen an Frau Merkel», führte der Minister aus nach den Vorfällen im französischen Josselin. «Lohnmässigung ist gut, aber unloyales Lohndumping ist nicht akzeptierbar.»

Premierminister Jean-Marc Ayrault verspricht der Bretagne ein Hilfspaket von 15 Millionen Euro namentlich für die Modernisierung von Kleinbetrieben. Er räumt damit indirekt ein, dass ein Teil des Konkurrenzverlustes hausgemacht ist.

Quantität statt Qualität

Die Bretagne ist ein Kondensat der aktuellen Wettbewerbsprobleme Frankreichs. Die Region im Nordwestzipfel des Landes lebte noch in den Sechzigerjahren zu mehr als einem Drittel von der Landwirtschaft; heute ist dieser Anteil auf 5,3 Prozent gesunken. Dabei handelt es sich mehrheitlich um Schweine- und Geflügelfleisch aus Massentierhaltung, die – Ausnahmen vorbehalten – kein Ruhmesblatt für die französische Esskultur darstellt. Diese Nahrungsmittelproduktion setzt zu stark auf Masse als auf Qualität und ist deshalb auch industriell rückständig. Ausserdem leidet sie unter den steigenden Futterpreisen.

Grosse Lohnunterschiede

Aber auch Autohersteller wie Peugeot oder Telekomausrüster wie Alcatel bauen in der Bretagne Arbeitsplätze ab. Mit ein wichtiger Grund ist das Lohnniveau: Es lag vor der Jahrtausendwende noch tiefer als in Deutschland, befindet sich aber heute dar­über – was natürlich auf die Exporte drückt.

Der Mindestbruttolohn liegt in Frankreich heute bei 1430 Euro – und dies wohlgemerkt für eine Wochenarbeitszeit von 35 Stunden. Der Ansatz pro Stunde liegt bei 9,40 Euro. Das ist mehr als die in Deutschland von der SPD geforderte Lohnuntergrenze von 8,50 Euro die Stunde. Vertreter der französischen Rot-Grün-Regierung in Paris haben schon vor der Bundestagswahl die Erwartung geäussert, dass Deutschland in Sachen Mindestlohn nachziehe. Zudem setzt sich Frankreich für eine Revision der europäischen «Entsende-Richtlinie» ein, welche die Anstellung osteuropäischer Billiglohnarbeiter ermöglicht.

Anfang Woche machte die Zeitung «Le Parisien» allerdings publik, dass auch die Firma Gad rumänische Teilzeitarbeiter beschäftigt. Sie sollen weniger als 600 Euro verdienen und auf Zeltplätzen wohnen. Ein Vorsteher der französischen Arbeitsdirektion, Philippe Dingeon, bezeichnet dies als «illegal». Dar­auf angesprochen, meinte Gad, die Anstellung der Rumänen sei «provisorisch». Es zeigt sich, dass das EU-Recht nicht immer zu einer Nivellierung nach oben führt – im Gegenteil.

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