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Brisante Themen, sanfte Filme

Das 67. Filmfestival von Locarno ist das zweite unter der Direktion von Carlo Chatrian. Der Mann, der sich gern in Eifer redet über seine Liebe zum Kino, erweist sich, das zeigt die Piazza, als bedächtiger, sanftmütiger Programmgestalter.

Carlo Chatrian, dieser Mann mit den augenfällig dunklen Augen und dem krausen Haar, den Präsident Marco Solari beim Abgang von Olivier Père aus dem Nichts hervorgezaubert hat, überrascht uns ein wenig. Im ersten Jahr, sagt man, darf sich ein neuer Direktor einarbeiten. Im zweiten aber muss er sich beweisen: Im Wettbewerb hat sich Chatrian dieses Jahr bisher als Mann der Achtsamkeit mit einer Vorliebe für ein oft bedächtiges Kino erwiesen. Bei der Programmierung der Piazza, welche die Direktoren von Locarno traditionell in den Spreizstand zwischen cinephilem Festivalpublikum, unterhaltungssuchenden Einheimischen, ferienlaunigen Touristen und auf Stars wartende Sponsor-Gästen zwingt, zeigt sich Chatrian von einer anderen Seite. Unerschrocken, was die Themen anbelangt, alles andere aber als wagemutig, was Genre, Stil und Experimente betrifft. Von Auschwitz ans Meer Konkret gezeigt hat Chatrian auf der Piazza: Am ersten Samstag Christian Züberts «Hin und weg», in dem es um Sterbehilfe ging. Am Sonntag «Marie Heurtin» von Jean-Pierre Améris, in dem eine Nonne einer taubblinden Jugendlichen die Gebärdensprache beibringt. Am Montag stand «A la vie» von Jean-Jacques Zilbermann auf dem Programm, der von drei Frauen erzählt, welche in Auschwitz Freundinnen wurden und, nachdem sie sich in den ersten Nachkriegsjahren aus den Augen verloren, 1962 wieder zusammenfinden. Das sind schwierige und heikle Themen und nicht unbedingt etwas für das breite Piazza-Publikum. Denkt man. Nur hat es mit diesen drei Filmen etwas Eigenartiges auf sich: Sie sind, ihren Themen zu Trotz, von leichtfüssiger Heiterkeit. So katapultiert «A la vie» seine Protagonistinnen binnen weniger Minuten vom KZ an den Meeresstrand, wo zwei der Frauen der dritten einen Bikini aufschwatzen und sie damit aus ihrer jungfräulichen Starre erlösen. «Hin und weg» erweist sich als flottes Radler-Road-Movie, in dessen Verlauf sechs beste Freunde noch fester zusammenwachsen. Und «A la vie» ist, obwohl da auch gestorben wird und obwohl es bisweilen hart kommt, eine einzige Erfolgsgeschichte. Kann sein, dass Filme, die solche Themen heiter bekömmlich aufbereiten, den Geist der heutigen Zeit spiegeln, es kann aber auch sein, dass sich in solchen Filmen, die zwischendurch ernste Töne anschlagen, gar ein paar Minuten nachdenklich stimmen, sich dann aber in Humor und moderater Heiterkeit auffangen, Chatrians persönlicher Gout zeigt; schliesslich scheint der Direttore von Locarno grundsätzlich ein charismatischer und sympathischer Kino-Vermittler zu sein. Hübsch aufbereitet Auf alle Fälle funktionieren auch Peter Luisis «Schweizer Helden» und Lasse Hallströms «The Hundred Foot Journey», ebenfalls auf der Piazza gezeigt, nach dem gleichen Prinzip. Hallströms Film, lukullisch hübsch aufbereitet, handelt von der turbulenten Integration einer indischen Einwandererfamilie in Frankreichs Provinz. Luisis Film erzählt, wie eine Schweizerin mittleren Alters mit den Insassen eines Durchgangzentrums «Wilhelm Tell» einstudiert – nicht weil sie grundsätzlich Gutes tun will, sondern weil sie Freundinnen, Familie und sich selber beweisen will, dass sie etwas taugt. Die Schweizerin wird dadurch zum besseren Menschen, die Asylsuchenden werden trotzdem ausgewiesen. Gestört hat das, da auch «Schweizer Helden» grundsätzlich heiter daherkommt, in Locarno keinen. Doch ob Chatrian mit einer solch moderaten Programmgestaltung, die es letztlich doch an Biss und deswegen an Höhepunkten fehlen lässt, auf Dauer gut fährt, wage ich ein klein wenig zu bezweifeln.

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