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Cäsium und Strontium in Import-Konfitüre

Noch immer wirkt die AKW-Katastrophe von Tschernobyl nach: Laut dem Bundesamt für Gesundheit gelangen weiterhin Lebensmittel in den Schweizer Handel, die radioaktiv belastet sind – und deren Toleranzwert teilweise überschritten wird.

Über ein Vierteljahrhundert nach dem verheerenden Nuklearunfall im Atomkraftwerk von Tschernobyl, nahe der ukrainischen Stadt Prypjat, werden in der Schweiz erhöhte Werte von radioaktivem Cäsium und Strontium in importierter Konfitüre aus Osteuropa nachgewiesen. Nachdem noch vor zwei Jahren vor allem bedenkliche Werte bei importierten Wildpilzen festgestellt wurden, stehen nun also vermehrt verar­bei­te­te Beeren im Fokus der Schweizer Kantonschemiker. Laut dem Jahresbericht des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) wurde im vergangenen Jahr bei Stichproben in mindestens zwei Fällen von importierten Beerenprodukten der Toleranzwert von 100 Becquerel pro Kilo Frischgewicht beim langlebigen Cäsium 137 überschritten (Probe aus Österreich: 176 Bq/kg, Probe aus Polen: 220 Bq/kg). Erhöhte Werte auch im Honig Alles nur Einzelfälle? Mitnichten. «Wir haben auch in diesem Jahr wieder zwei importierte Heidelbeerkonfitüren gefunden, die den Toleranzwert von radioaktivem Cäsium überschritten haben», bestätigt Markus Zehringer, Radioaktivitätsfachmann beim Kantonslabor Basel-Stadt. Zudem habe man im vergangenen Jahr «in beinahe allen» importierten Wald- und Kastanienhonigen sowie in allen Konfitüren auf Waldbeerenbasis Cäsium 137 nachweisen können.» Auch erhöhte Werte von Strontium (lagert sich im Körper in den Knochen ab) wurden in den entsprechenden Lebensmitteln registriert. Allerdings wurde nur in einem Fall der Toleranzwert von 1 Bq/kg überschritten. «Und zwar bei der gleichen Heidelbeerkonfitüre aus Österreich, die schon eine Toleranzwertüberschreitung beim Cäsium zu verzeichnen hatte», sagt Zehringer und weist dar­auf hin, dass man das entsprechende Produkt bei der Herstellerfirma beanstandet habe. «Beanstandet heisst, dass wir die Firma dazu aufgefordert haben, entsprechende Massnahmen zu treffen, damit keine Produkte mehr in den Handel gelangen, die eine Toleranzwertüberschreitung aufweisen.» Man habe die betroffene ausländische Konfitürenmarke unter anderem bei einem Schweizer Grossverteiler gefunden, sagt Zehringer. «Dieser hat zwischenzeitlich die Konfitüre aus den Regalen genommen und sich beim Hersteller beschwert.» «Die charmante Heidelbeere» Das Kantonslabor Basel bestätigt zudem, dass es sich bei jenen Produkten, die in diesem Jahr eine Toleranzwertüberschreitung aufwiesen, unter anderem um die Konfitüre «Die charmante Heidelbeere» der Firma Sonnentor mit Sitz in Österreich handelt. Die Beeren selber stammen nach Angaben des Herstellers aus der Ukraine. Der Schweizer Vertriebspartner von Sonnentor, die Bio Partner Schweiz AG, schreibt, dass sie zwischenzeitlich «alle mit der betroffenen Charge belieferten Kunden» kontaktiert habe. Sie seien gebeten worden, «die Ware aus dem Verkehr zu ziehen». Und: «Zukünftige Chargen dieser Produkte werden durch uns nur dann für den Verkauf angenommen, wenn uns ein Zertifikat eines akkreditierten Labors vorliegt, das die Unbedenklichkeit bestätigt.» Laut Markus Zehringer vom Basler Kantonslabor habe diese Unbedenklichkeit jedoch schon immer vorgelegen. Und zwar auch bei jenen Produkten, die den Toleranzwert überschritten haben. Denn der alles entscheidende Grenzwert sei bei den Lebensmitteln mit 1250 Bq/kg um ein Mehrfaches höher als der Toleranzwert – und noch nie überschritten worden. «Das heisst, dass für die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten zu keinem Zeitpunkt eine Gesundheitsgefährdung bestand», hält Zehringer fest. Also alles nur ein Sturm im Wasserglas? «Nein», sagt Christina Hacker vom Umweltinstitut in München, «denn in Japan beispielsweise liegt der Cäsiumgrenzwert für Lebensmittel bei 100 Bq/kg, was dem heutigen Toleranzwert in der Schweiz entspricht.» Für Milch und Babynahrung gelte dort zudem ein Grenzwert von 50 Bq/kg (Schweiz: 1000 Bq/kg), so Hacker weiter. Wenn ein solcher Grenzwert überschritten werde, müsse man die betroffenen Waren zwingend aus den Verkaufsregalen nehmen. Das Problem für die Konsumentinnen und Konsumenten sei, dass es weltweit keinen einheitlichen Toleranz- und Grenzwert gebe, meint Hacker. Klar sei aber, dass Radioaktivität die Zellen schädige und Krebs verursachen könne. «Und klar ist auch, dass jeder Mensch ganz unterschiedlich gute körperliche Abwehrkräfte hat und deshalb auf die jeweiligen Belastungen sehr unterschiedlich reagiert.» Herkunft deklarieren Als besonders stossend empfindet Josianne Walpen von der Stiftung für Konsumentenschutz zudem die Tatsache, dass die Herkunft der Beeren in verar­bei­te­ten Produkten nicht in jedem Fall angegeben werden muss. «Zumal viele Konfitürenhersteller Beeren aus Osteuropa verwenden, also genau aus jenen Gebieten, die vom radioaktiven Niederschlag von Tschernobyl besonders betroffen waren.» Betrüblich ist laut Walpen vor allem, dass sich in der aktuellen Debatte über die entsprechende Deklarationspflicht der einzelnen Rohstoffe in den Produkten die eidgenössischen Räte bis jetzt noch immer nicht einig geworden seien.

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